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Thukydides: Perikles‘ Rede vor dem Peloponnesischen Krieg

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Nach dem gemeinsamen Sieg in den Perserkriegen kam es in Griechenland zu einem inneren Konflikt zwischen den Großmächten Athen und Sparta. Beide Staaten schlossen Verteidigungsbündnisse, sodass sich Griechenland in zwei Blöcke spaltete. Diese Konflikte mündeten 430 v. Chr. im Peloponnesischen Krieg. Kurz vor Kriegsausbruch hielt der athenische Staatsmann und Stratege Perikles eine bedeutende Rede, in der er Athen und seine Mitglieder im Attischen Seebund für einen notwendigen Krieg gegen Sparta mobilisieren wollte. Nachdem Athen 404 v. Chr. kapitulieren musste, gingen seine politische Bedeutung und die Athenische Demokratie schließlich wieder bergab. Der Historiker Thukydides schrieb Perikles‘ Rede für die Nachwelt nieder (I, 140-144):

Thukydides: Perikles‘ Rede – Peloponnesischer Krieg

Ich bin, meine Athener, noch immer meiner früheren Meinung, daß wir den Peloponnesiern nicht nachgeben dürfen, obwohl mir nicht unbekannt ist, daß der Eifer, mit dem man der Aufforderung zum Krieg Gehör zu geben pflegt, selten bei der Ausführung in gleicher Stärke fortdauert; vielmehr pflegt man seine Gesinnung davon abhängig zu machen, ob man das Glück hat. Ich kann also nach meiner Einsicht euch jetzt keinen anderen Rat geben als früher. Nur bitte ich diejenigen unter euch, die unseren gemeinschaftlichen Erschließungen beipflichten, daß sie bei einem etwaigen Mißgeschick uns möglichst beistehen, anderenfalls aber sich auch von dem glücklichen Erfolg unserer klugen Maßregeln keinen Anteil anmaßen; denn der Lauf der Dinge selbst kann zuweilen ebenso unberechenbar sein wie die Gedanken und Einfälle eines Menschen. Daher pflegen wir auch seltsame und unerwartete Begebenheiten dem Glück zuzuschreiben. Die Lakedämonier sind früher schon offenbar gegen uns nicht aufrichtig gewesen und geben uns jetzt wieder den stärksten Beweis davon; denn obgleich in den Friedensartikeln ausdrücklich ausgemacht worden ist, daß bei entstandenen Streitigkeiten jeder Teil seine Sache einer gerichtlichen Untersuchung anheimstellen und jeder in dem Besitz dessen, was er hat, bleiben solle, haben sie doch nie dergleichen rechtliche Entscheidungen verlangt, noch auch solche auf unser Anerbieten hin annehmen wollen. Sie wollen die obwaltenden Beschwerden lieber mit dem Schwert als mit Gründen und Worten entscheiden. Sie beschweren sich nicht mehr; sie befehlen schon. Sie wollen, wir sollen von Potidäa abziehen, Ägina wieder in Freiheit setzen und unseren Beschluß, den wir über die Megarer faßten, wieder aufheben. Und diese, die zuletzt gekommen sind, fordern gar, wir sollen den Griechen ihre Freiheit geben. Es denke nur ja niemand unter euch, wir würden wegen einer Kleinigkeit einen Krieg anfangen, wenn wir bei unserem Beschluß über die Megarer beharren, über den die Peloponnesier sich vor allem beschweren und dessen Aufhebung sie zu einer Bedingung für die Fortdauer des Friedens machen. Laßt nicht den Vorwurf künftig in euch Wurzeln fassen, ihr hättet euch einer Kleinigkeit wegen in einen Krieg eingelassen. Diese Kleinigkeit wird die Probe dafür sein, ob ihr bei euren Entschließungen und Grundsätzen standhaft zu beharren wißt. Gebt ihr hierin nach, so wird man bald größere Forderungen stellen und glauben, ihr seid furchtsam genug, auch darin zu gehorchen. Wenn ihr dagegen standhaft bleibt, werdet ihr sie dadurch lehren, euch künftig mehr als ihresgleichen zu behandeln.

Besinnt euch also von diesem Augenblick an und entschließt euch zu einem von beiden, entweder ihnen zu gehorchen, ehe die Feindseligkeiten beginnen, oder aber, wenn wir es zum Kriege kommen lassen, was ich meinerseits für das Beste halte, unter keinem Vorwande, er sei groß oder klein, zu weichen noch bei der Verteidigung dessen, was wir besitzen, Furcht zu zeigen. Die größten wie die kleinsten Forderungen, die jemand seinesgleichen vor erfolgter rechtlicher Entscheidung auferlegt, haben gleichermaßen den Anschein der Knechtschaft. Ob wir aber nun im Kriege und unter Berücksichtigung der beiderseitigen Hilfsmittel etwas von jenen voraushaben, davon sollt ihr selbst nach den verschiedenen Stücken, die ich euch nacheinander vorlegen will, urteilen:

Die Peloponnesier nähren sich von ihrer Hände Arbeit, der Bürger hat kein Geld, die öffentlichen Schatzkammern sind leer. Ferner sind sie in langwierigen und über See zu führenden Kriegen ungeübt, da ihre kleinen Kriege, die sie untereinander führen, ihrer Dürftigkeit wegen schnell beendet sind. Leute, die sich in solchen Umständen befinden, können weder eine Flotte ausrüsten noch oft eine Landarmee ins Feld schicken, da sie ihr Gewerbe liegenlassen und doch von ihren eigenen Mitteln die Kosten bestreiten müssen und über das alles noch die See für sich gesperrt finden. Um einen Krieg glücklich zu beenden, kommt es mehr auf einen angesammelten Kriegsschatz als auf außerordentliche Steuern an. Nun aber sind die Leute, die von ihrer Handarbeit leben, eher bereit, Leib und Leben als ihre Habe aufs Spiel zu setzen, weil sie immer hoffen, gesund heimzukehren; andererseits ist es allemal sehr nachteilig, wenn sie vor der Zeit den Vorrat aufzehren, das vor allem, wenn sich, wie es leicht geschehen kann, der Krieg wider Vermuten in die Länge zieht. Es ist wahr: In einem einzigen Treffen sind die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen imstande, es mit allen Griechen aufzunehmen; allein, einen Krieg gegen eine Macht zu führen, die an Kriegsrüstungen ihnen so sehr überlegen ist, dazu sind sie nicht imstande. Da sie ihre Befehle von so vielen Orten her erwarten müssen, wird eine Stockung eintreten, wenn etwas plötzlich auszuführen ist. Und da sie alle ein gleiches Recht, ihre Stimme abzugeben, haben und dabei aus verschiedenen Nationen bestehen, so wird ein jeder hauptsächlich auf seinen eigenen Nutzen bedacht sein. Unter solchen Umständen kommt nicht leicht eine wichtige Unternehmung zustande; denn indem der eine darauf dringt, dem Feinde nach Möglichkeit zu schaden, wünscht der andere, sein Eigentum nach Möglichkeit zu erhalten. Bei ihren noch so langen Zusammenkünften wird der kleinste Teil der Zeit darauf verwandt, über das gemeinsame Beste zu beratschlagen; die meiste Zeit bringt ein jeder mit seinen besonderen Angelegenheiten zu. Ein jeder bildet sich ein, er werde durch seine Saumseligkeit keinem einen sonderlichen Schaden zufügen; ja, er glaubt, andere werden schon für ihn mitsorgen. Und indem ein jeder für sich solchen Gedanken nachgeht, leidet inzwischen die gemeinsame Sache unvermerkt.

Was aber das Wichtigste ist: Es wird allemal der Geldmangel ihren Unternehmungen ein Hindernis in den Weg legen, da es mit dessen Herbeischaffung noch Zeit genug haben wird, im Kriege aber die günstigen Gelegenheiten nicht auf einen warten. Vor den Festungen, die sie etwas gegen uns anlegen werden, dürfen wir uns ebensowenig fürchten wie vor ihrer Seemacht. Es ist schon in Friedenszeiten schwer, daß eine Macht dergleichen Befestigungszwecke anlegt, geschweige denn im Kriege, zumal da wir ja ihnen ebensowohl solche entgegensetzen werden. Errichten sie gar ein Fort, so werden sie zwar einem Teil unseres Landes durch ihre Streifzüge schaden können; allein, das wird noch nicht ausreichen, das Land zu sperren oder uns daran zu hindern, ihre Gebiete von der See her anzugreifen und ihnen mit unserer Flotte, worin eben unsere Stärke besteht, zu Leibe zu rücken; denn unstreitig gewährt uns unsere Geschicklichkeit im Seewesen mehr Vorteile auch zum Zweck etwaiger Landexpeditionen, als sie vermittelst ihrer Landmacht gegen unsere Flotte etwas auszurichten vermögen. Zu unserer Kenntnis des Seewesens werden sie nicht so leicht gelangen. Ihr selbst habt, obwohl ihr gleich vom Anfang des Persischen Krieges an euch darauf gelegt habt, gleichwohl darin noch nicht ausgelernt. Wie sollten denn Leute, die den Ackerbau treiben und die See nicht kennen, etwas Sonderliches ausrichten, zumal wenn wir ihnen mit unseren zahlreichen Schiffen beständig auf dem Halse sitzen, ihnen also nicht einmal Gelegenheit geben werden, sich darin gehörig zu üben; denn wenn sie auch in Fällen, wo sie sich über den Mangel an Geschicklichkeit mit der Menge beruhigen, etwa ein kleines Geschwader anzugreifen sich unterstehen sollten, so werden sie doch, sobald wir ihnen mehrere entgegenstellen, sich nicht regen. Sie werden also durch diesen Mangel an Übung in der Unwissenheit und eben deswegen auch in einer mißtrauischen Furchtsamkeit erhalten werden. Zu dem Seewesen gehört, wenn anders zu irgend etwas in der Welt, eine gewisse Geschicklichkeit, und diese kann man nicht erlangen, wenn man es nur gelegentlich als ein Nebenwerk betreibt.

Sollten sie gar die zu Olympia oder Delphi befindlichen Schätze antasten und durch Versprechung eines höheren Soldes unsere Söldner von der Flotte an sich zu ziehen suchen, so würde doch das nur dann gefährlich für uns sein, wenn wir ihnen nicht mit unseren Metöken allein schon gewachsen wären und die Flotte hinlänglich besetzen könnten. So aber sind wie es; und was das Beste ist, es bestehen die Steuerleute auf den Schiffen aus unseren eigenen Bürgern, und das übrige Schiffsvolk ist bei uns zahlreicher und besser als in dem ganzen übrigen Griechenland. Und wenn es zum Treffen ginge, würde doch keiner von den Söldnern sich entschließen, seinem Vaterland den Rücken zu kehren und um eines höheren Soldes willen von wenigen Tagen bei weit geringeren Aussichten auf größere Vorteile mit jenen sein Heil versuchen. Diese und ähnliche Bewandtnis hat es meiner Meinung nach mit den Peloponnesiern. Wir hingegen sind nicht nur von den Fehlern, die ich an jenen ausgesetzt habe, frei, sondern haben noch andere wichtige Vorteile, worin sie sich mit uns nicht vergleichen können: Dringen sie zu Lande in unser Gebiet, so greifen wir das ihrige von der See her an. Und da wird es nicht mehr von gleicher Wirkung sein, wenn wir auch nur einen Teil vom Peloponnes verheeren, und sie ganz Attika; denn sie haben keine anderen Länder, woran sie sich halten können, ohne erst darum zu kämpfen. Wir hingegen haben teils auf den Inseln, teils auf dem festen Lande noch eine Menge Land; wir denn die Herrschaft zur See ein gar wichtiger Vorteil ist. Überlegt dieses nur einmal. Gesetzt, wir bewohnten eine Insel, wem würde wohl in der Welt schwerer beizukommen sein? Jetzt müssen wir eine beinahe gleiche Lage bei uns annehmen und folglich unter Verzicht auf das platte Land und unsere Landgebäude nur das Meer und die Stadt zu behaupten suchen, ohne uns durch einen solchen Verdruß verleiten zu lassen, mit den Peloponnesiern, die uns an Zahl weit überlegen sind, ein Haupttreffen zu wagen; denn wenn wir auch darin siegten, würden wir doch bald wieder mit einer gleichen Anzahl zu kämpfen haben. Mißlänge es uns aber, so würde das unfehlbar den Verlust unserer Bundesgenossen, die unsere größte Stärke ausmachen, nach sich ziehen; denn diese würden nicht länger ruhig bleiben, sobald sie uns außerstande sähen, ihnen mit bewaffneter Hand entgegentreten. Nur kein Winseln und Jammern über unsere Felder und Landhäuser! Unsere Person mag man vielmehr bedauern. Sind doch jene Güter nicht Herren über die Menschen, sondern diese über jene! Könnte ich nur glauben, daß ihr mir folgtet, so würde ich euch zureden, die Felder und Landhäuser selbst zu verwüsten und zu verlassen, um den Peloponnesiern zu zeigen, daß euch diese nicht bewegen werden, ihnen zu gehorchen.

Ich habe noch eine Menge anderer Gründe, woraus ich euch den Sieg versprechen könnte, wenn ihr bei dem Kriege an keine Eroberungen denken und euch nicht in Abenteuer stürzen wollt; denn ich bin in der Tat mehr wegen unserer Versehen als wegen der Anschläge unserer Feinde besorgt. Doch hiervon läßt sich ein anderes Mal, wenn wir wirklich Hand ans Werk legen, weiter sprechen. Für jetzt laßt uns diese Leute mit der Antwort wieder abfertigen; Wir wollen den Megarern den Gebrauch unserer Häfen und den Zutritt zu unseren Versammlungen gestatten, wenn die Lakedämonier auch keine Fremden mehr, so wenig von uns als unseren Bundesgenossen, aus der Stadt weisen. Das eine kann so wenig unseren Verträgen hinderlich sein wie das andere. Ferner, wir wollen den Städten ihre volle Freiheit, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, lassen, sofern sie diese Freiheit zur Zeit der Schließung des Friedens gehabt haben, und wenn die Lakedämonier es ihren Städten ebenfalls freistellen, sich in ihrer Staatsverfassung nicht nach der Lakedämonier Absichten, sondern nach ihrer eigenen Bequemlichkeit und ihrem Gutdünken zu richten. Und endlich, daß wir bereit sind, jede Genugtuung zu geben, die unseren Verträgen gemäß ist; daß wir keinen Krieg anfangen, gegen jeden Angreifer aber uns rechtschaffen wehren. Eine solche Antwort ist der Gerechtigkeit sowohl wie der Ehre dieses Staates gemäß. So viel ist gewiß: Der Krieg ist unvermeidlich. Übernehmen wir ihn nun mit Lust, so werden wir unsere Feinde nicht so hart auf dem Halse haben. Bedenkt, daß die größten Schwierigkeiten bei ihrer Überwindung sowohl dem Staat als einem jeden insbesondere die größte Ehre machen. So haben unsere Väter bei einer noch geringeren Macht, ja unter Preisgabe ihrer Heimat, den Persern die Spitze geboten und diese Barbaren mehr mit Klugheit als blindem Glück, mehr mit Heldenmut als äußerer Macht zurückgetrieben und unseren Staat zu seiner jetzigen Größe erhoben. Wir dürfen hinter ihnen nicht zurückstehen. Nein, wir müssen unsere Feinde auf jede Weise abwehren und bemüht sein, diese Macht unseren Nachkommen in keinem geringeren Zustand zu übergeben.

Zitiert nach: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges I, in: H. Brauer: Die Entwicklung der Demokratie in Athen, Geschichtliche Quellen, Paderborn 1983, S. 52 ff. 

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