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Quellenverweise

Plutarch: Themistokles (Schlacht bei Salamis)

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In der Schlacht bei den Thermopylen im Frühjahr 480 v. Chr. konnten die Perser von den Griechen zunächst geschlagen werden. Die Entscheidungsschlacht ereignete sich wenig später bei Salamis. Der Sieg der Griechen beendete schließlich die Perserkriege und führte zur Entwicklung der Athenischen Demokratie. Dies war insbesondere ein Verdienst des Strategen und Politikers Themistokles, der ein umfassendes Flottenbauprogramm umsetzen ließ. Dies rühmte der griechische Geschichtsschreiber Plutarch in seinen Biographien (Them. 3 ff):

Plutarch: Themistokles – Schlacht bei Salamis

Die Politik scheint auf Themistokles früh einen starken Zauber ausgeübt zu haben, wie ihn auch die Begierde nach Ruhm völlig in Bann geschlagen hatte. Von Anfang an stachelte ihn dieser Ehrgeiz auf, der erste zu sein, und unbekümmert nahm er dafür die Feindschaft der angesehensten und einflußreichsten Männer der Stadt auf sich. Sein schroffster Widerpart war jedoch Aristeides, der Sohn des Lysimachos. Freilich scheint die Verschiedenheit ihrer Lebensauffassung und ihres Charakters die Kluft stark vertieft zu haben. Aristeides war von ruhigem Wesen und ein Ehrenmann durch und durch, er suchte in seinem öffentlichen Wirken weder Gunst noch Ruhm, sondern ging, von der reinsten Absicht geleitet, mit unbestechlicher Festigkeit seinen Weg. Themistokles hingegen verleitete das Volk zu Unternehmungen verschiedenster Art und wollte umwälzende Neuerungen einführen. So sah sich Aristeides immer wieder genötigt, ihm entgegenzutreten und seinen Aufstieg zu hemmen.

Themistokles fing damit an, daß er mit einem Vorschlag vor die Volksversammlung trat, wie ihn sonst niemand gewagt hätte. Die Athener sollten die Einkünfte aus den Silberbergwerken im Laureion nicht wie bisher unter sich verteilen, sondern diese Mittel zum Bau von Trieren für den Krieg gegen Aigina verwenden. Dieser wurde eben zu jener Zeit in Griechenland mit größter Heftigkeit geführt, und die Aigineten beherrschten mit ihrer mächtigen Flotte das Meer. So fiel es Themistokles nicht schwer, die Athener für den Plan zu gewinnen. Er drohte ihnen nicht mit dem Schreckgespenst des Dareios und der Perser; denn diese waren weit weg, und die Furcht, sie könnten wiederkommen, saß gar nicht tief; vielmehr benutzte er im richtigen Augenblick den Haß und die Eifersucht seiner Mitbürger gegen die Aigineten, um seine Rüstungspläne durchzuführen. Aus den Geldern wurden hundert Trieren gebaut, die dann auch im Kampf gegen Xerxes zum Einsatz kamen.

Von nun an führte Themistokles seine Vaterstadt Schritt für Schritt dem Meere zu. Er ließ sich dabei von der Überzeugung leiten, daß das Landheer nicht einmal den Grenznachbarn gewachsen sei, während Athen mit einer Seemacht die Barbaren in Schach halten und die Herrschaft über Griechenland erringen könnte. So machte er, wie Platon sagt, aus standfesten Hopliten Matrosen und Seeleute, was ihm den Vorwurf eintrug, er habe seinen Mitbürgern Schild und Speer aus der Hand genommen und das Athenervolk an die Ruderbank gefesselt. Kaum hatte er den Oberbefehl übernommen, suchte er seine Mitbürger auf die Trieren zu bringen, indem er ihnen zuredete, sie sollten die Stadt verlassen und den Barbaren in größtmöglicher Entfernung von Griechenland zur See entgegentreten. Allein, er stieß auf starken Widerstand, und so führte er mit den Spartanern zusammen ein ansehnliches Heer nach dem Tempetal, um Thessalien zu decken; daß die Thessaler zu den Persern hielten, wußte man damals noch nicht. Als sich aber die Griechen aus ihrer Stellung zurückziehen mußten, ohne etwas ausgerichtet zu haben, als sich durch den Übertritt Thessaliens zum Großkönig alles Land bis nach Boiotien hin auf die Seite der Perser schlug, da fand man Themistokles mit seinem Plan, aufs Meer zu gehen, bei den Athenern schon willigeres Gehör, und man schickte ihn mit einer Flotte nach Artemision, um die Meerenge abzuriegeln.

Die Gefechte, welche damals in der Meerenge mit der Perserflotte ausgetragen wurden, vermochten zwar den Krieg nicht entscheidend zu beeinflussen, waren aber als Waffenproben gleichwohl von größter Bedeutung für die Griechen. Aus den Taten nämlich, die sie hier unter Gefahren vollbrachten, wurde es ihnen klar, daß weder die Menge der Schiffe noch ihre prachtvoll verzierten Schnäbel, weder das prahlerische Kriegsgeschrei noch die Schlachtgesänge der Barbaren tapfere Männer, die den Kampf nicht scheuen, zu schrecken vermögen. Themistokles trat mit dem Antrag vor das Volk, die Athener sollten die Stadt ihrer Schutzherrin, der Göttin Athene, anheimstellen, alle waffenfähigen Männer sollten die Schiffe besteigen und ein jeder seine Kinder, seine Gattin und die Sklaven in Sicherheit bringen, so gut er könnte. Der Antrag wurde zum Beschluß erhoben, und so brachten die meisten Athener ihre Kinder und Frauen nach Triozen, wo sie freundlich aufgenommen wurden. Die Männer fuhren aufs Meer hinaus, ein Anblick, der viele tief erschütterte und viele andere staunen ließ ob dem kühnen Mut der Athener, die ihre Familien andernorts unterbrachten und selber, ungerührt vom Jammer, von den Tränen und Umarmungen ihrer Eltern, nach Salamis übersetzten. Voller Mitleid dachte man an die Bürger, die wegen ihres hohen Alters in der Stadt zurückblieben.

Als die feindliche Flotte auf der Höhe von Phaleron vor der attischen Küste erschien und die Ufer ringsum hinter ihr verschwanden, als der König selber mit dem Landheer ans Gestade hinunterzog und so seine ganze riesige Streitmacht vor den Augen der Griechen vereinigte, beschloß man, in der nächsten Nacht abzusegeln, und gab den Steuerleuten die entsprechenden Befehle. Der Gedanke, die Griechen möchte ihre vorteilhafte Stellung in der Meerenge preisgeben und sich in ihre Städte zerstreuen, erfüllte Themistokles mit tiefer Sorge, und so ersann er eine List, die er mit Sikinnos‘ Hilfe ins Werk setzte. Sikinnos war ein persischer Kriegsgefangener, aber Themistokles treu ergeben und überdies der Erzieher seiner Kinder. Ihn schickte er also insgeheim zu Xerxes und ließ ihm sagen: „Themistokles, der Feldherr der Athener, hat sich auf die Seite des Perserkönigs geschlagen und beeilt sich, ihm zu melden, daß die Griechen fliehen wollen. Er gibt ihm den guten Rat, sie nicht entwischen zu lassen, sondern anzugreifen und ihre Flotte zu vernichten, solange die Trennung vom Landherr ihre Entschlußkraft lähmt“. Xerxes zweifelte nicht daran, daß die Botschaft ehrlich gemeint sei, und erteilte den Flottenkommandanten sogleich Befehl, die Schiffe in aller Stille bemannen, zweihundert aber unverzüglich auslaufen zu lassen, um die Durchfahrt auf beiden Seiten zu sperren und die Inseln einzuschließen, damit keiner der Feinde entrinnen könne.

Der erste, welcher das persische Manöver bemerkte, war Aristeides, des Lysimachos Sohn. Er eilte sogleich zum Zelt des Themistokles, obschon er mit ihm keineswegs auf gutem Fuße stand, war er doch, wie ich erzählt habe, auf sein Betreiben in die Verbannung geschickt worden. Als Themistokles aus dem Zelte trat, teilte er ihm mit, daß sie umzingelt seien. Themistokles kannte die lautere Gesinnung des Mannes und war hocherfreut über sein Kommen. Darum entdeckte er ihm, was er mit Sikinnos‘ Hilfe bewerkstelligt hatte, und bat ihn dringend um seine Unterstützung: Zu ihm hätten die Griechen weit größeres Vertrauen, er müsse ihnen Mut machen, die Schlacht in der Meerenge zu wagen. Aristeides, der das Vorgehen des Themistokles voll und ganz billigte, wandte sich sogleich an die Feldherren und Kommandanten der Trieren, um ihre Kampflust zu entflammen. Allein, sie schenkten auch ihm keinen Glauben, bis ein tenisches Schiff erschien – es war von Paneitios geführt und wollte zu den Griechen übergehen – und die Meldung, daß sie eingekreist seien, bestätigte. Jetzt endlich, da die Not sie zwang, stürzten sich die Griechen voller Erbitterung in den Kampf. Als der Tag anbrach, nahm Xerxes, um die Aufstellung der Flotte zu überwachen, seinen Sitz auf der Höhe über dem Heraklestempel, da, wo ein schmaler Sund Attika von der Insel Salamis trennt. So lautet der Bericht des Phanodemos. Nach Akestodoros hingegen hatte sich der König seinen goldenen Thronsessel an der Grenze von Megara, über den sogenannten Hörnern, aufstellen lassen und eine große Zahl von Schreibern um sich versammelt, deren Aufgabe es war, das Kampfgeschehen aufzuzeichnen.

Als erster eroberte Lykomedes aus Athen, Kommandant einer Triere, ein Schiff. Er ließ ihm später die Abzeichen abschlagen und weihte sie dem lorbeerbekränzten Apollon zu Phlya. Die Perser, deren zahlenmäßige Überlegenheit im engen Sund nicht zur Geltung kam, konnten nur einzeln zum Angriff vorgehen und brachten einander gegenseitig in Verwirrung. So wurden sie, obschon sie bis zum Abend Widerstand leisteten, von den Griechen geschlagen, und diese erfochten, wie Simonides sagt, jenen herrlichen, vielbesungenen Sieg, einen Sieg zur See, wie ihn strahlender weder Griechen noch Barbaren je errungen haben. Sie verdankten ihn der Tapferkeit und dem freudigen Einsatz der Soldaten, aber ebenso der Klugheit und dem durchdringenden Verstand des Themistokles.

Zitiert nach: Plutarch, Große Griechen und Römer, Band I und II, eingeleitet und übersetzt von Konrad Ziegler, Zürich und Stuttgart 1954/55, in: H. Brauer: Die Entwicklung der Demokratie in Athen, Geschichtliche Quellen, Paderborn 1983, S. 45 ff. 

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