Lexikon

Deutsche Frage


Die „Deutsche Frage“ bezeichnet einen von 1806 bis 1990 andauernden Konflikt und stand vor dem ungelösten Problem: Wo genau verlaufen Deutschlands Grenzen und wer gehört dazu? Die „Deutsche Frage“ führte im 19./20. Jahrhundert zu mehreren Kriegen, Gebietsveränderungen und Staatsgründungen. Seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 gilt sie in der Geschichtswissenschaft als gelöst.

Heiliges Römisches Reich deutscher Nation

Seit dem Mittelalter existierte auf dem heutigen Boden Deutschlands das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Dabei handelte es sich um einen Dachverband von unzähligen Herrschaften, an deren Spitze der römisch-deutsche Kaiser stand. In diesem Reich lebten zahlreiche Völker mit unterschiedlichen Sprachen. Im 18. Jahrhundert begann dieses schrittweise zu zerfallen und wurde vom Dualismus zwischen den Großmächten Preußen und Österreich geschwächt. Infolge der Napoleonischen Eroberungen und dem Reichsdeputationshauptschluss brach das „Alte Reich“ im Jahr 1806 endgültig zusammen. Dieser Akt markierte den Beginn der „Deutschen Frage“ .

Rheinbund und Deutscher Bund

Nach dem Zusammenbruch des „Alten Reiches“ im Jahr 1806 traten einige deutsche Fürstentümer dem von Napoleon gegründeten Rheinbund bei. Die französische Vorherrschaft in Europa konnte infolge der Befreiungskriege [1813-15] beseitigt werden. Da sich auch viele Freiwillige an den Befreiungskriegen beteiligten, entstand erstmals ein übergreifendes deutsches Nationalbewusstsein. Die vom Bürgertum ausgehende Forderung nach einem deutschen Nationalstaat erfüllte sich jedoch nicht. Auf dem Wiener Kongress [1814/15] entschieden sich die europäischen Fürsten mit dem Deutschen Bund für einen lockereren Staatenbund.

Revolution 1848/49

Die bereits im Vormärz erstarkende Nationalbewegung führte im März 1848 die deutsche Revolution herbei. In der gesamtdeutschen Nationalversammlung in Frankfurt zerstritten sich die Fraktionen über die Frage, ob Österreich dem neuen Nationalstaat einverleibt werden solle [großdeutsche und kleindeutsche Lösung]. Die Revolution 1848/49 scheiterte unter anderem an diesen Gegensätzen und der fehlenden Einheit. Als Preußens König Friedrich Wilhelm IV. die ihm von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone – für die kleindeutsche Lösung – ablehnte, waren die Ziele der Revolution missglückt.

Deutsches Kaiserreich

Nach der gescheiterten 48er Revolution wurde zunächst der Deutsche Bund wiederhergestellt. In den 1860er Jahren stellte sich Preußen – auf Betreiben Otto von Bismarcks – an die Spitze der deutschen Nationalbewegung. In den sogenannten Einigungskriegen wurde Österreich als konkurrierende Großmacht im deutschsprachigen Raum ausgeschaltet. Preußen vereinigte die nördlichen Staaten im Jahr 1866 zum Norddeutschen Bund. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 schlossen sich diesem die süddeutschen Staaten an. Am 18. Januar 1871 wurde Preußens König als Wilhelm I. zum Kaiser des vereinten Deutschen Reiches ausgerufen. Damit war die „Deutsche Frage“ zunächst gelöst.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Nach Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg stellte sich die „Deutsche Frage“ 1918/19 von Neuem. Die Siegermächte lehnten den Versuch, das neue Deutschösterreich mit dem deutschen Staatsgebiet zu vereinen, kategorisch ab. Das 1871 annektierte Gebiet Elsass-Lothringen musste Deutschland – im Rahmen des Versailler Vertrags – an Frankreich abtreten. Westpreußen und Posen fielen an Polen. In der Zeit der Weimarer Republik [1919-1933] erstarkte mit der NSDAP eine rechtsnationale Partei, die sich die Revision des Versailler Vertrags und „Lebensraum im Osten“ zum Ziel setzte. Mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann die nationalsozialistische Diktatur.

Zweiter Weltkrieg und deutsche Teilung

Im Rahmen der expansiven NS-Außenpolitik kam es am 12. März 1938 zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Bis 1939 dehnte sich der deutsche Herrschaftsbereich über Polen und die Tschechoslowakei aus. Im Jahr 1940 wurde Elsass-Lothringen erneut annektiert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 wurde Deutschland von den Alliierten in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Aufgrund von politischen Gegensätzen entwickelte sich ein Ost/West-Konflikt, der die staatliche Einheit zerbrach und 1949 in die Teilung in BRD und DDR führte. Im Osten verkleinerte sich das deutsche Territorium durch die Westverschiebung Polens. Die Oder-Neiße-Linie wurde die neue Ostgrenze.

Deutsche Frage im Kalten Krieg

Seit 1949 symbolisierte die „Deutsche Frage“ den Ost/West-Konflikt bzw. Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion. Die BRD lehnte die völkerrechtliche Anerkennung der DDR aufgrund des Alleinvertretungsanspruchs lange Zeit ab. Die DDR betonte die Zwei-Staaten-Theorie. Erst im Zuge der Neuen Ostpolitik der 1970er Jahre gewann die Idee einer gemeinsamen Nation wieder an Bedeutung. Nach dem „Mauerfall“ am 9. November 1989 wurden die Forderungen nach der nationalen Einheit konkreter. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag legitimierte die deutsch-deutsche Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 1990 vollendet wurde. Mit Deutschlands Anerkennung als gleichberechtigter Partner in der Europäischen Union ist die „Deutsche Frage“ damit gelöst.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 12. Dezember 2019 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 23. Dezember 2019. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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