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Adenauer über den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag


Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der seit 1949 amtierende Bundeskanzler Konrad Adenauer das deutsch-französische Verhältnis auf eine neue Grundlage. Dafür traf er sich am 14./15. September 1958 erstmals mit dem französischen Ministerpräsidenten de Gaulle in Lothringen. Im Jahr 1963 folgte der deutsch-französische Freundschaftsvertrag. Über sein Zusammentreffen berichtete Adenauer in seinen 1967 erschienenen „Erinnerungen“ :

Adenauer über den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag

Es sei nun einmal eine Tatsache, daß Supermächte wie die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland existierten. Das sei der Grund, warum Europa sich zusammenschließen und warum auch in erster Linie die Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Frankreich un Deutschland verstärkt werden müsse. Ich sei von der absoluten Notwendigkeit dieses Zusammenschlusses überzeugt. Die Schaffung Europas sei für die Weltpolitik sehr wichtig. Die wirtschaftlichen Bande müßten als erste hergestellt werden. Dies sei normal, da unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg keine gemeinsamen politischen Grundlagen möglich waren. Heute handele es sich darum, sie zu finden. Hierzu notwendig sei ein gutes Einvernehmen zwischen Frankreich und Deutschland. Frankreich und Deutschland müßten in eine Ära des ständigen Gespräches eintreten. Es solle sich dabei nicht nur um Konsultationen über Einzelfälle handeln. Ich wünschte, daß unsere beiden Länder sehr enge, ständige und dauerhafte Kontakte über die internationalen Probleme unterhielten. […]

De Gaulle hatte sehr aufmerksam zugehört. Nunmehr nahm er das Wort. […] Vom französischen Volk sagte de Gaulle, daß es eine schwere Krankheit durchgemacht habe. Es sei ein großes Volk gewesen, insbesondere aber habe es sich für sehr groß gehalten. Es habe geglaubt, daß es berufen sei, die erste Rolle in der Welt zu spielen. Es sei wahr, daß es diese Rolle innegehabt habe, aber es habe sich nicht der neuen Situation angepaßt. Es könne nicht vergessen, daß es diese Rolle nicht mehr spiele. Daraus seien der Kommunismus und die intellektuelle Anarchie in vielen Kreisen zu erklären. […]

Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang folgende Bemerkung de Gaulles: Die schwerste Aufgabe, die vor ihm liege, sei, die nationalistischen Franzosen aus ihrem nationalistischen Himmel herunter auf den Boden der Wirklichkeit zu ziehen.

In seiner Ansicht über die Weltlage stimme er mit mir überein. Er stimme mir vor allem auch darin zu, daß Deutschland und Frankreich in enger Freundschaft verbunden sein müßten. Nur durch diese Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich werde es möglich sein, Westeuropa zu retten. De Gaulle bekannte, er habe, wie die meisten Franzosen, nach dem Zusammenbruch Deutschlands gefürchtet, daß Deutschland sich nach seiner Erholung an Frankreich rächen würde. Deshalb habe er damals, als er Ministerpräsident gewesen sei, das Zusammengehen zwischen Frankreich und Sowjetrußland herbeigeführt. Er habe sich aber inzwischen davon überzeugt, daß das heutige deutsche Volk keine derartigen Rachegefühle hege. Daraus erkläre sich sein Wechsel in der Politik: Eng verbunden mit Deutschland zum Schutze gegen Sowjetrußland. De Gaulle fuhr dann wörtlich fort: „[…] Es gibt in Europa für Frankreich nur einen möglichen Partner, ja sogar wünschenswerten Partner, und das ist Deutschland, das Deutschland von heute. Dies ist ein historisches Wunder, aber nicht weniger eine Tatsache.

Auszüge zitiert nach: Konrad Adenauer, Erinnerungen 1955-1959, Stuttgart 1967, S. 424-429.

Verfasst von Fabio Schwabe
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