Gorbatschows Rede zum 40. Jahrestag der DDR

Am 9. Oktober 1989 – anlässlich des 40. Jahrestages der DDR und nach Erich Honeckers Ansprache – hielt der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow eine historische Rede. In dieser riet er der DDR-Führung – nach Vorbild Perestroikas und Glasnosts – zu innenpolitischen Reformen, die aus seiner Sicht eine Forderung der Zeit seien:

Natürlich hat die DDR, wie jedes andere Land, ihre eigenen Entwicklungsprobleme, die ihre Durchdenkung und ihre Lösung erfordern. Sie sind sowohl vom inneren Bedürfnis der Gesellschaft zur ständigen Weiterentwicklung hervorgerufen als auch vom allgemeinen Prozeß der Modernisierung und Erneuerung, der jetzt im gesamten sozialistischen Lager vorgeht. Alle Staaten sind von Integrationsprozessen, von Veränderungen innerhalb der internationalen wirtschaftlichen und politischen Ordnungen ergriffen. Keiner kann gegenüber den globalen Problemen und Erfordernissen der wissenschaftlich-technischen Revolution teilnahmslos bleiben. […]

Wir zweifeln nicht daran, daß die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands mit ihrem intellektuellen Potential, ihren reichen Erfahrungen und ihrer politischen Autorität imstande ist, in Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Kräften Antwort auf die Fragen zu finden, die durch die Entwicklung der Republik auf die Tagesordnung gestellt wurden und die ihre Bürger bewegen. Eigentlich geht es um die Entfaltung der Möglichkeiten, die unserer sozialistischen Ordnung innewohnen – der Ordnung der Werktätigen, der Volksherrschaft. […]

Es scheint, als würden die Reformen in der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern einige Politiker dazu verführen, diese oder jene ihrer alten Ansprüche wieder geltend zu machen. […] Diese Fragen haben eine außerordentliche Bedeutung für das Schicksal der europäischen Völker, für den Weltfrieden. Deshalb braucht man hier volle Klarheit. Vor allen Dingen sollten unsere westlichen Partner davon ausgehen, daß die Fragen, die die DDR betreffen, nicht in Moskau, sondern in Berlin entschieden werden. […] Ich möchte da so formulieren: Wenn es uns gelingt, alles zu verwirklichen, was wir uns heute vorgenommen haben, bedeutet das die endgültige Trennung von der Ära des Kalten Krieges und den beginn einer wirklich friedlichen Periode in der europäischen Geschichte.

Die Sowjetunion ist aufrichtig daran interessiert, daß diese für die europäischen Völker und für die ganze Menschheit einzigartige Chance nicht verspielt wird. Ich glaube, wir haben unsere Aufrichtigkeit mit Taten bewiesen: nämlich durch die Umgestaltung innerhalb des Landes und die neue Außenpolitik. […] Es gibt Anzeichen dafür, daß die Politik des Realismus und der Vernunft in den internationalen Beziehungen ein Gemeingut wird in Parteien und Bewegungen verschiedener Richtungen – für Kommunisten, Sozialisten, Christdemokraten, Liberale, Grüne. Es gibt tatsächlich nichts Wichtigeres als zwei grundlegendere Wahrheiten […].

Erstens: Im Atomzeitalter, da vor der Menschheit die Aufgabe des Kampfes ums Überleben steht, können die brennendsten Probleme der Gegenwart nur durch gemeinsame Anstrengungen und auf friedlichem Wege, durch politische Mittel gelöst werden. […] ein anderer Weg wäre für alle tödlich. Zweitens: Die Geschichte hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, ihr Tempo, ihren Rhythmus, die vom Heranreifen objektiver und subjektiver Entwicklungsfaktoren bestimmt werden. Das zu ignorieren bedeutet, neue Probleme zu schaffen. […]

Auszüge der Rede zitiert nach: Neues Deutschland vom 9.10.1989, S. 3f. 

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2019 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 04.06.2019. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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