Historisches Quellenmaterial

Protest gegen die Westintegration


Nach der deutschen Teilung in BRD und DDR betrieb Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Politik der Westintegration. Gegen diese starke Integration in die westliche Staatengemeinschaft protestierten am 29. Januar 1955 SPD-Politiker, Gewerkschaftler und Kirchenvertreter in der Frankfurter Paulskirche. Der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hielt folgende Rede:

Protest gegen die Westintegration

Dass der Russe nie wieder hergibt, was er hat – dass man mit den Sowjets weder verhandeln noch Verträge schließen könne -, diese weit verbreiteten Schlagworte sind, sobald man ihre Konsequenzen durchdenkt, Sätze von ungeheuerlicher Bedeutung, von so verderblicher und verwerflicher Hoffnungslosigkeit, dass wir uns nie mit ihnen abfinden dürfen. Wer sich mit ihnen abfindet, und von ihnen aus Politik treibt, der möge aufhören, von Deutschland zu sprechen, das dann nicht einmal mehr ein geografischer Begriff ist, der möge das Geld für ein gesamtdeutsches Ministerium sparen und den unglücklichen Bewohnern der DDR zurufen: „Lasst alle Hoffnung fahren, ihr habt Pech gehabt, und wir können und wollen nur noch für uns selber sorgen!“

Es ist das Groteske an unserer heutigen Situation, dass man denjenigen, die sich nicht damit abfinden können, nachsagt, sie seien nationalistisch, antieuropäisch und pro-östlich. Nicht Nationalismus, nicht nationalstaatliches Denken macht uns die deutsche Zweiteilung unerträglich, sondern unmittelbar menschliche Pflicht gegenüber 18 Millionen Deutschen. Wir sind für sie, wie Martin Niemöller einmal treffend gesagt hat, die Nächsten. Setzen wir uns nicht für sie ein, so tut es niemand auf der Welt. Wir haben also eine Politik zu treiben, mit der wir sie, wenn möglich, aus der sowjetischen Gewalt herausbringen und sie jedenfalls nicht noch tiefer hineinstoßen. Ob uns die Freiheit der anderen östlichen Völker nicht auch am Herzen liege, werden wir von manchem gefragt. Wir werden an sie nicht weniger denken dürfen als an unsere eigenen Volksgenossen; aber für sie könnten wir zurzeit politisch nichts tun; denn Kreuzzug ist keine Hilfe. Für das Schicksal der 18 Millionen Deutschen aber können wir einiges Nützliche oder Schädliche tun – und das ist unsere heutige Verantwortung.

Am groteskesten ist deshalb, wenn der Opposition gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung vorgeworfen wird, sie besorge die Geschäfte der Russen und käme aus proöstlicher Gesinnung. Wir wollen allerdings mit den Russen ins Geschäft kommen, weil es ohne ihre Zustimmung keine Wiedervereinigung gibt, und insofern müssen wir auch überlegen, wie weit wir den russischen Interessen entgegenkommen können. Wer das von vornherein ablehnt, soll nicht behaupten, dass er die Wiedervereinigung will. Aber unter denen, die hier sprechen, ist keiner, der sich über das Wesen des Kommunismus die geringsten Illusionen machte, der nicht Abscheu vor dem sowjetischen Zwangssystem empfände und nicht entschlossen wäre, unsere Demokratie vor der Wiederkehr von Parteidiktatur, Geheimpolizei, Konzentrationslager usw. unter roten, braunen oder andersfarbigen Vorzeichen zu bewahren.

Zitiert nach: Klaus-Jörg Ruhl (Hg.), „Mein Gott, was soll aus Deutschland werden?“ Die Adenauer-Ära 1949-1963, München (dtv) 1985, S. 195 f.

 

Verfasst von Fabio Schwabe

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