Opposition in der DDR: Bürger melden sich zu Wort

Im Jahr 1989 – vierzig Jahre nach Gründung der DDR – veröffentlichten oppositionelle Bürgerrechtler eine kritische Schrift, die auf die mangelnde Reformbereitschaft des SED-Regimes aufmerksam machte. Sie wurde insbesondere von Bärbel Bohley, einer Mitbegründerin des Neuen Forums, unter dem Titel „Bürger melden sich zu Wort“ konzipiert:

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. […] Seit der Staatsgründung hat die Regierung mit der Bevölkerung noch immer keinen wirklichen Frieden geschlossen, denn seitdem haben etwa vier Millionen Menschen […] das Land verlassen. In diesem Jahr haben allein bis zum ersten September fast 60.000 Menschen der Republik den Rücken gekehrt. […]

Denn der Sozialismus ist tot. Die Morgenröte war nichts weiter als der Widerschein eines erlöschenden Feuers. Aber obwohl der Sozialismus tot ist, bevor er begonnen hat zu leben, können seine ursprünglichen Inhalte nicht einfach ad acta gelegt werden. Trotz aller vernichtenden Kritik am Sozialismus […] wird deutlich, daß die Menschen nicht unbedingt den Kapitalismus hier haben wollen. […] Wie sie persönlich leben wollen, das wissen die meisten. Aber wie die Gesellschaft aussehen soll, in der sie so leben können, wie sie wollen, das wissen die wenigsten. Trotzdem heißt der Minimalkonsens der Gesellschaft: Es muß anders werden! Was aber ist notwendig, damit dieses Neue, andere überhaupt formuliert werden kann? Ich denke, daß wir zwei Tatsachen annehmen müssen. Die eine ist, daß es zwei deutsche Staaten gibt und die andere, daß in der DDR nur eine unbedeutende Opposition existiert. […]

Steht auf, bewegt euch, geht, aber nicht in den Westen, sondern auf die Straße! Eine Lösung der Probleme ist ohne unsere Einmischung ganz bestimmt wieder nur eine, in der wir den kürzeren ziehen. Wir müssen über unsere Zukunft selbst entscheiden. Die Regierung der DDR scheint schon abgetreten zu sein, denn sie schweigt […].

Ich möchte genausowenig Bürger eines Staates sein, der asylbeantragende Kurden in den Tod springen läßt, wie ich Bürger eines Staates sein möchte, der seine Bürger entmündigt und einsperrt. Leider gibt es nicht mehr Deutschlands, und ich muß mich für eines entscheiden. Und so habe ich mich wie viele andere hier für dieses Land entschieden. Die Millionen Unentschlossenen entscheiden sich vielleicht auch für dieses Land, wenn es die Möglichkeit gibt, es so zu verändern, wie sie es wollen. Diese Möglichkeit muß von ihnen und uns erkämpft werden, sie wird uns nicht einfach gegeben werden. Und dieser Kampf darf nicht so ausgehen wie am 17. Juni 1953.

Aber die Geschichte wiederholt sich nicht. Eine legale Ebene muß dem Staat abgerungen werden, auf der die Menschen sich finden können, um ihre Aktivitäten für eine Veränderung der Gesellschaft zu entfalten. […] Nur so haben wir als Individuum und als Gesellschaft eine Chance, unsere verlorene Sprache wiederzufinden und uns aus unserem knechtischen Dasein zu befreien. Dieses Heft soll wie ein Zuruf sein: Entlaßt euch endlich selbst in die Mündigkeit. […]

Auszüge zitiert nach: Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Katja Havemann, Rolf Henrich, Ralf Hirsch: 40 Jahre DDR … und die Bürger melden sich zu Wort, Frankfurt am Main u.a. 1989.

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2019 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 04.06.2019. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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