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Ursachen der friedlichen Revolution 1989: Historikerurteile


Die friedliche Revolution 1989 in der DDR legte den Grundstein für die deutsch-deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. In der Geschichtsforschung gibt es diesbezüglich mehrere Darstellungen, die nach den Ursachen des „Mauerfalls“ suchen. Im folgenden sind drei verschiedene Historikerurteile aufgeführt:

Urteil des Historikers Detlef Pollack (1993)

Fasst man die Ursachen, die das Zustandekommen und den Verlauf des Umbruchs maßgeblich prägten, zusammen, so kann man sagen: Ausschlaggebend war erstens die Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze und die dadurch ermöglichte Massenflucht, die die Krise des DDR-Systems innerhalb und außerhalb des Systems unübersehbar machte, zweitens die Preisgabe der Breschnew-Doktrin und der Verzicht der Sowjets auf militärische Unterstützung der in die Krise geratenen DDR, drittens die Schwächung der Führungsspitze und des Machtapparates des DDR-Systems selbst, viertens die Differenzierungsprozesse in allen gesellschaftlichen Institutionen der DDR bis hinein in die SED und fünftens schließlich – besonders wichtig – die unausgewogenen Machtverteilungsverhältnisse und die daraus resultierenden scharfen gesellschaftlichen Brüche innerhalb des Systems, die im Zusammenspiel mit der Massenabwanderung das Entstehen der Massenproteste bedingten. Erst an nachgeordneter Stelle wird man dann auch auf die Rolle der politisch alternativen Gruppen und der evangelischen Kirche verweisen müssen, die schon immer eine Infragestellung des geschlossenen und ideologisch gleichgeschalteten Systems darstellten und daher für den Massenprotest den Fokussierungspunkt liefern konnten. Das heißt, die Kirchen und die oppositionellen Gruppen unter dem Dach der Kirche waren nicht die Träger des Umbruchs in der DDR. Sie hätten einen solchen Umschwung, wie er sich tatsächlich vollzogen hat, niemals aus eigener Kraft herbeiführen können. […]

Auszüge zitiert nach: Detlef Pollack, Der Umbruch in der DDR – eine protestantische Revolution? Der Beitrag der evangelischen Kirchen und der politisch alternativen Gruppen zur Wende 1989, in: Trutz Rendtorff (Hg.), Protestantische Revolution? Kirche und Theologie in der DDR, Göttingen 1993, S. 70 f.

Urteil des Historikers Jürgen Kocka (1995):

Schließlich zu den Ursachen: Sicher kamen wichtige Anstöße aus dem Innern der sich verändernden Gesellschaften. Über Jahre hinweg wuchs in ihnen – in Polen, Ungarn und der CSSR viel deutlicher als in der DDR – ein Protest- und Veränderungspotenzial heran. Sicherlich spielte dabei der Generationenwechsel eine Rolle: den Jungen gegenüber, die Weltkrieg und Faschismus nicht mehr erlebt hatten, ließ sich das System nur noch sehr begrenzt unter Verweis auf seine Aufbauleistungen und seinen Antifaschismus legitimieren. Im Zeitalter der elektronischen Medien und erleichterten Reisemöglichkeiten wirkte das infragestellende Vorbild der erfolgreichen westlichen Systeme bis weit in den Ostblock hinein. Viel anderes kam sicher hinzu, vor allem das nachlassende Wachstum der Wirtschaft und der sich geltend machende Einfluss der Kirchen. Aber entscheidende Bedingungen der Möglichkeit des Umsturzes war letztlich doch die vermutlich nicht endgültige, aber gravierende Schwächung der Sowjetunion, der letzten großen supranationalen Hegemonialmacht in Europa, in engster Verbindung mit der sich herausstellenden Unterlegenheit des staatssozialistischen Systems. Dessen Versagen in den 80er-Jahren gehörte wohl zur Erfahrung aller Länder des östlichen Lagers, aber in der die Hauptlast der Systemkonkurrenz mit dem Westen tragenden und die Herrschaftsstruktur ihrer Satelliten abstützenden, im Übrigen ökonomisch besonders rückständigen Sowjetunion wurde es am frühesten geschichtswirksam, und dies erst ermöglichte den Aufstieg eines Gorbatschow, der die Breschnew-Doktrin zurücknahm und damit den osteuropäischen Regierungen die entscheidende Grundlage ihrer im Inneren nicht genug legitimierten Macht entzog.

Zitiert nach: Jürgen Kocka, Vereinigungskrise. Zur Geschichte der Gegenwart, Göttingen 1995, S. 12 f.

Urteil des Historikers Konrad H. Jarausch (2000):

Die Abkehr vom Realsozialismus hatte einerseits mit einer Reihe von fundamentalen Strukturproblemen zu tun, deren Lösung in den 1980er-Jahren immer unwahrscheinlicher wurde. Eine erste Ursache war die Stagnation der Planwirtschaft, die den Übergang zur postindustriellen Hochtechnologie nicht schaffte und zu viele Konsumwünsche der Bevölkerung unbefriedigt ließ. Ein zweiter Grund ergab sich aus dem Verlust der Drohkulisse des Kalten Krieges im Zuge der Entspannung und Begrenzung des Rüstungswettlaufs zwischen den Großmächten. Die Satellitenstaaten der SU erlangten nach der Aufhebung der Breschnew-Doktrin mehr Bewegungsfreiheit. Ein dritter Aspekt betraf die Rückmeldung der durchherrschten Gesellschaft über eine Redifferenzierung von oppositionellen Netzwerken, künstlerischen Subkulturen, lebensstilbestimmten Alterskohorten usw., wodurch gewisse zivilgesellschaftliche Elemente wiederbelebt wurden. Eine letzte Dimension resultierte aus dem Glaubwürdigkeitsverlust des ideologischen Herrschaftsdiskurses, der die Versprechungen einer sozialistischen Utopie nicht länger als Rechtfertigung für gegenwärtige Probleme gelten ließ. Durch ihre gegenseitige Verstärkung verdichteten sich diese graduellen Entwicklungen zu einem Gefühl von unterschwelliger Malaise, das dem Kommunismus die Zukunftshoffnung raubte. […]

Auszüge zitiert nach: Konrad H. Jarausch, Zehn Jahre danach: die Revolution von 1989/90 in vergleichender Perspektive, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 48, 2000, S. 912.

 

Verfasst von Fabio Schwabe

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