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Deutscher Sonderweg


Bei der These des „Deutschen Sonderwegs“ handelt es sich um eine Kontroverse in der Geschichtswissenschaft. Sie besagt, dass sich die historische Entwicklung Deutschlands vom europäischen Regelfall unterscheide. In dieser Hinsicht sei – im Gegensatz zu Frankreich und Großbritannien – die Entstehung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht linear, sondern über Umwege verlaufen.

Deutsche Frage im 19. Jahrhundert

Während Frankreich und Großbritannien bereits Nationalstaaten waren, existierte Deutschland im 19. Jahrhundert lediglich als Staatenbund [Deutscher Bund]. Obwohl sich seit den Befreiungskriegen [1813-15] eine deutsche Nationalbewegung gebildet hatte, lehnten die Fürsten die Gründung eines Einheitsstaates kategorisch ab. In der Revolution 1848/49 scheiterte der Versuch, das Doppelziel von Einheit und Freiheit zu erreichen. Letztlich kam die deutsche Reichsgründung im Jahr 1871 durch Preußen zustande. Nach den Siegen in den Einigungskriegen war die Deutsche Frage zunächst gelöst. Das Deutsche Kaiserreich entwickelte sich jedoch zu einem preußisch dominierten Obrigkeitsstaat.1

Der preußisch dominierte Obrigkeitsstaat

Die deutsche Nationalstaatsbildung im Jahr 1871 war vor allem von Preußen vorangetrieben worden. Man sprach auch von einer „Reichsgründung von oben“ . Eine Demokratisierung innerhalb Deutschlands blieb aus, da dem Reichstag nur bedingte Mitspracherechte zugesprochen wurden. Zu den einflussreichsten Trägern der kaiserlichen Gesellschaft gehörten weiterhin der Adel und das Militär. Das Bürgertum hatte zwar im Zuge der Industriellen Revolution seinen sozialen Rang erhöhen können, doch konnte sich – im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien – keine bürgerliche Gesellschaft bilden. Deutschlands Entwicklung zur parlamentarischen Demokratie wurde durch den preußischen Konservatismus entschieden gehemmt.2

Scheitern der Weimarer Republik

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution wurde Deutschland am 9. November 1918 in eine Republik umgewandelt. Diese als „Weimarer Republik“ bezeichnete Demokratie hatte allerdings unter den politischen und wirtschaftlichen Krisen [Versailler Vertrag, Putschversuche, Inflation] zu leiden. Dass die neu regierenden Sozialdemokraten mit ehemaligen Militärführern einen Pakt gegen Kommunisten eingingen, hatte fatale Folgen. Die Weimarer Republik scheiterte letztlich, weil sie eine „Demokratie ohne Demokraten“ blieb und die Verfassung durch Notverordnungen in den frühen 1930er Jahren außer Kraft gesetzt wurde.3

Nationalsozialismus und deutsche Teilung

Die mangelnde Identifikation mit der parlamentarischen Demokratie und die anhaltende Wirtschaftskrise bescherten der NSDAP großen Zulauf und führten 1933 in die nationalsozialistische Diktatur. Es folgten die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft, der Zweite Weltkrieg und der Völkermord an den europäischen Juden. Die NS-Diktatur endete im Jahr 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation und der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten, auf die vier Jahre später die Teilung in BRD und DDR folgte. Die Entwicklung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung nach westeuropäischem Vorbild erfolgte auf diese Weise künstlich und nicht aus der eigenen Nation heraus.4

Kritik an der Sonderwegsthese

Einige Historiker bemängeln an der Sonderwegsthese, dass als Abgrenzung zu diesem Begriff  ein „Normalweg“ existieren müsse. Auch in anderen westeuropäischen Ländern erfolgte keine lineare Entwicklung zur parlamentarischen Demokratie. In Spanien, Italien und Ungarn entstanden im 20. Jahrhundert ebenfalls Diktaturen, in denen konservative und militärische Eliten über die Staatsgewalt verfügten. Darüber hinaus würde die Sonderwegsthese die historische Entwicklung Deutschlands vereinfachen und übersehen, dass das Scheitern der Weimarer Republik nicht zwangsläufig in den Nationalsozialismus hätte führen müssen.5

 

Verfasst von Fabio Schwabe
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