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Vergangenheitspolitik in BRD und DDR


Die Vergangenheitspolitik- und bewältigung gehörten zu den größten Herausforderungen der Nachkriegszeit. Einerseits sollten die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet, bestraft und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Andererseits rückte seit 1945 der Ost/West-Konflikt in den Mittelpunkt, der die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in BRD und DDR zunehmend in den Schatten stellte.

Entnazifizierung nach 1945

Die Entnazifizierung gehörte zu den sogenannten 5 Ds der Alliierten auf der Potsdamer Konferenz. In allen vier Besatzungszonen sollten die NS-Kriegsverbrecher strafrechtlich belangt und aus Schlüsselpositionen entfernt werden. In den Nürnberger Prozessen wurden die Hauptkriegsverbrecher vor einen internationalen Militärgerichtshof gestellt und zu Tode verurteilt. Die Entnazifizierung verlief in den jeweiligen Besatzungszonen sehr unterschiedlich. Aufgrund politischer und ideologischer Gegensätze zeichnete sich ein Ost/West-Konflikt ab, der die Entnazifizierung rasch beendete. Die Integration der 1949 gegründeten Teilstaaten BRD und DDR in den West- und Ostblock wurde im Kontext des Kalten Krieges zunehmend relevanter.1

Vergangenheitspolitik in der BRD

Die ersten Jahre der 1949 gegründeten BRD waren geprägt von Verdrängung und dem Blick in die Zukunft. Ein 1949 verabschiedetes Amnestiegesetz entlastete ehemalige Mitschuldige der NS-Zeit und integrierte sie in den demokratischen Staat. In den 1950er Jahren fokussierte sich die Regierung Adenauers auf eine Wiedergutmachung. Diese sah materielle Entschädigungen an ehemalige Opfer des NS-Regimes – darunter auch Israel (Luxemburger Abkommen) – vor. In den 1960er Jahren folgte eine stärkere juristische Aufarbeitung durch eine Zentrale der Landesjustizverwaltungen, die unter anderem die Auschwitz-Prozesse (und Eichmann-Prozess) ermöglichte. Einen Meilenstein bildete die Studentenbewegung der 1960er Jahre, die die moralische Verdrängung der NS-Zeit und die Fortexistenz ehemaliger NS-Verbrecher an Universitäten kritisierte. Als Erinnerungssymbol gilt darüber hinaus Willy Brandts Kniefall vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos.2

Vergangenheitspolitik in der DDR

Die DDR stellte sich ideologisch in die Nachfolge des antifaschistischen Widerstandes. Sie betrachte die NS-Zeit als zugespitzte Form des Kapitalismus und warf der BRD vor, dass sie ehemalige Nazis in Führungspositionen dulden würde. Daher folgte nach der „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ auch keine selbstkritische Aufarbeitung und Vergangenheitspolitik. Im Zeichen des Kalten Krieges gehörte die Berufung auf den Antifaschismus zum festen Bestandteil der marxistisch-leninistischen Ideologie (Zwei-Linien-Theorie). Sie bestärkte die DDR-Bürger in ihrer Überzeugung, dass sie keine Mitschuld an den NS-Verbrechen tragen würden. Eine Erinnerungskultur fand daher innerhalb der DDR-Geschichte nicht statt.3

Vergangenheitspolitik seit 1990

Seit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 hat sich im politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs eine flächendeckende Erinnerungskultur entwickelt. Dazu gehören zahlreiche Gedenkstätten und Stiftungen (z.B. Wehrmachtsausstellung, Holocaust-Mahnmal oder Museen), die eine aktive Vergangenheitsbewältigung und Auseinandersetzung mit der NS-Zeit befördern. Vor diesem Hintergrund ist in der neuen Bundesrepublik ein selbstkritischere Haltung in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit ermöglicht worden.4

Verfasst von Fabio Schwabe
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