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Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffspakt


Am 23. August 1939 unterzeichneten das Deutsche Reich und die Sowjetunion einen unerwarteten Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt), in dem sie sich zur Neutralität bezüglich Polens verpflichteten. In diesem Pakt war aber auch ein geheimes Zusatzprotokoll enthalten, das diese Neutralität im Sonderfall wieder aufheben konnte. Eine Woche später kam es zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs:

Die deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR, geleitet von dem Wunsche, die Sache des Friedens zwischen Deutschland und der UdSSR zu festigen, […], sind zu nachstehender Vereinbarung gelangt:

Artikel 1: Die beiden vertragschließenden Teile verpflichten sich, sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jeden Angriffs gegeneinander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten.

Artikel 2: Falls einer der vertragschließenden Teile Gegenstand kriegerischer Handlungen seitens einer dritten Macht werden sollte, wird der andere vertragschließende Teil in keiner Form diese dritte Macht unterstützen.

Artikel 3: Die Regierungen der beiden vertragschließenden Teile werden künftig fortlaufend zwecks Konsultation in Fühlung miteinander bleiben, um sich gegenseitig über Fragen zu informieren, die ihre gemeinsamen Interessen berühren.

Artikel 4: Keiner der beiden vertragschließenden Teile wird sich an irgendeiner Mächtegruppierung beteiligen, die sich mittelbar oder unmittelbar gegen den an deren Teil richtet.

Artikel 5: Falls Streitigkeiten oder Konflikte zwischen den vertragschließenden Teilen über Fragen dieser oder jener Art entstehen sollten, werden beide Teile diese Streitigkeiten oder Konflikte ausschließlich auf dem Wege freundschaftlichen Meinungsaustausches oder nötigenfalls durch Einsetzen von Schlichtungskommissionen bereinigen.

Artikel 6: Der gegenwärtige Vertrag wird auf die Dauer von zehn Jahren abgeschlossen […].

[Geheimes Zusatzprotokoll]

Aus Anlaß der Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtert. Die Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:

1.) Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland und Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphäre Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.

2.) Für ein Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staat gehörenden Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt. Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden. In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.

3.) Hinsichtlich des Südosten Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteressement an diesen Gebieten erklärt.

4.) Dieses Protokoll wird von beiden Seiten streng geheim behandelt werden. […].

Auszüge zitiert nach: H. A. Jacobsen, Der Weg zur Teilung der Welt. Politik und Strategie 1939-1945, Koblenz/Bonn 1979, S. 26f.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 26. Februar 2016 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 3. Juli 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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