Gesellschaft im Kaiserreich

Die Gesellschaft im Kaiserreich war hierarchisch aufgebaut. Neben dem Kaiser verfügten Adel und Militär über eine dominierende Rolle. Auch das Bürgertum stieg in der Rangordnung auf. Die soziale Mobilität wurde dynamischer. In der Unterschicht entwickelte sich eine immer größere Arbeiterklasse heraus, die politische und soziale Gleichheit forderte.

Militarismus

Das Deutsche Kaiserreich war 1871 nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg gegründet worden. Das Militär genoss daher hohes gesellschaftliches Prestige. Auf den Straßen präsentierten sich Soldaten stolz mit Uniformen. Berufliche Aufstiegschancen hatten meist nur die Bürger, die zuvor in der Armee gedient hatten. Der Militarismus sorgte für Gehorsam und Disziplinierung gegenüber dem Offizierskorps. Als Paradebeispiel für diese Untertanenmentalität gilt die Geschichte des „Hauptmanns von Köpenick“ .1

Adel

In der 1871 verabschiedeten Verfassung wurde zwar erstmals das allgemeine und gleiche Wahlrecht zum Reichstag verankert. Die politische Macht des Adels konnte jedoch nicht angetastet werden. Vor allem in Ostpreußen dominierten die Junker aufgrund ihres Grundbesitzes. Das Dreiklassenwahlrecht in Preußen sicherte ihren hohen sozialen Rang. Für die Auswahl in den Beamtendienst spielten die soziale Herkunft und Kontakte zum Königshof weiterhin eine wichtige Rolle.2

Bürgertum

Neben dem Adel stieg das Bürgertum zur einflussreichen Gesellschaftsschicht auf. In Deutschland – im Wandel von der Agrar- zur Industrienation – wurde die Wirtschaft immer wichtiger. Das Bürgertum hatte von der Industriellen Revolution am meisten profitiert und entwickelte sich zum Träger wirtschaftlicher Macht. Insbesondere das Großbürgertum gewann an politischen Einfluss. Die soziale Mobilität in der Gesellschaft stieg an. Reichskanzler Otto von Bismarck war sich der Bedeutung des Bürgertums bewusst und förderte deren Wirtschafts- und Handelsinteressen. Gleichzeitig sollte das Kaiserreich jedoch konservativ-monarchisch geprägt bleiben.3

Arbeiterbewegung

Durch die Industrielle Revolution war seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine breite Arbeiterbewegung entstanden. Sie wurde zunehmend politisch aktiv und forderte bessere Arbeitsbedingungen, gerechtere Löhne und politische Gleichberechtigung. Aufgrund der starken sozialen Ungleichheit erhielten Arbeitervereine und Gewerkschaften immer mehr Zulauf. Reichskanzler Bismarck betrachtete die aufstrebende Sozialdemokratie mit Misstrauen und schränkte ihre politischen Aktivitäten mit dem Sozialistengesetz im Jahr 1878 ein. Die Sozialdemokratie entwickelte sich dennoch bis 1914 zur stärksten politischen Partei im Reichstag.4

Urbanisierung und Technisierung

Die Industrielle Revolution hatte seit 1850 einen technologischen Entwicklungsschub ermöglicht. Die verbesserte medizinische Versorgung führte zu Bevölkerungswachstum und Urbanisierung. Städte konnten nun dauerhaft mit Wasser, Gas und Strom versorgt werden. Das Alltagsleben der Menschen wurde schneller und mobiler. Durch die Eisenbahn konnten Menschen und Güter immer schneller transportiert werden. Diese Veränderungen führten zwischen 1871 und 1914 enorme Veränderungen in der Sozialstruktur herbei. Deutschland entwickelte sich von der Agrar- zur Industriegesellschaft.5

Bild 1: Potsdam, Frühjahrsparade vor Stadtschloss, Autor/Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-H27213 / CC-BY-SA 3.0

Bild 2: Familie Gustav Jung, Autor: Familienarchiv Heinrich Bonnenberg (1917), Lizenz: Gemeinfrei

Bild 3: Armut im Vormärz, Autor: Theodor Hosemann (1840), Lizenz: Gemeinfrei

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 08.10.2014 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 20.02.2021. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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Fabio Schwabe und Christopher Schwab