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Churchill über das Münchener Abkommen

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Nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht, der Rheinlandbesetzung und dem Anschluss Österreichs war das Dritte Reich eine völlig Provokation mit Europa eingegangen. Auf der Münchener Konferenz 1938 debattierten die europäischen Staatschefs über die zukünftige Behandlung der Tschechoslowakei. Mit dem Münchener Abkommen wurde dem Deutschen Reich das sogenannte Sudetenland gewährt. Der britische Staatsmann Winston Churchill urteilte in einer Rede am 5. Oktober 1938 folgendermaßen:

Churchill über das Münchener Abkommen

Ich will zuerst etwas aussprechen, was jedermann nicht zur Kenntnis zu nehmen oder zu vergessen wünscht, was aber dennoch festgestellt werden muß: nämlich, daß wir eine völlige, durch nicht gemilderte Niederlage erlitten haben und daß dabei Frankreich noch mehr gelitten hat als wir. […] Wir in diesem Lande haben, ebenso wie die Bewohner anderer liberaler und demokratischer Länder, das volle Recht, das Prinzip der Selbstbestimmung hochzuhalten; aber es nimmt sich übel aus im Munde von Leuten in totalitären Staaten, die jeder Gruppe und Gesinnung innerhalb ihrer eigenen Grenzen selbst das kleinste Ausmaß an Duldung verweigern. Aber wie immer man es auch wendet, dieses bestimmte Stück Land, diese Anzahl von Menschen, die überantwortet werden sollen, hat niemals den Wunsch ausgedrückt, unter nationalsozialistische Herrschaft zu kommen. Ich glaube, sie würden nicht einmal jetzt, könnte man sie um ihre eigene Meinung befragen, solch einer Absicht Ausdruck geben. […]

Ich wage die Voraussage, daß sich der tschechoslowakische Staat fortan nicht als ein unabhängiges Gemeinwesen wird erhalten können. Ich glaube, daß Sie sehen werden, daß die Tschechoslowakei im Laufe einer Periode, die vielleicht nach Jahren, vielleicht aber nur nach Monaten bemessen ist, von dem Naziregime verschlungen werden wird. Vielleicht wird sie aus Verzweiflung oder aus Ressentiment sich ihm anschließen. […] Wir stehen jetzt einer Katastrophe ersten Ranges gegenüber, die England un Frankreich befallen hat. Wir wollen davor nicht die Augen verschließen. Jetzt müssen wir darauf gefaßt sein, daß alle Staaten Mittel- und Osteuropas unter den bestmöglichen Bedingungen, die sie erzielen können, zu einem Einverständnis mit der triumphierenden Nazimacht kommen werden. Das System zentraleuropäischer Bündnisse, auf das sich Frankreich für seine Sicherheit stützte, ist hinweggefegt, und ich sehe nicht, wie es wiederaufgebaut werden könnte. Die Straße, das Donautal hinab zum Schwarzen Meer, die Straße, die bis in die Türkei führt, ist geöffnet worden. Ich glaube, daß alle diese mitteleuropäischen und Donaustaaten faktisch, wenn nicht sogar formell einer nach dem andern in dieses große System der Machtpolitik – hineingezogen werden dürften, die von Berlin ausstrahlt. […]

Der Premierminister hegt den Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen zwischen unserem Lande und Deutschland. Es bestehen überhaupt keine Schwierigkeiten für freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern. Unsere Herzen schlagen dem deutschen Volk entgegen. Aber das Volk ist machtlos. Niemals jedoch kann es Freundschaft mit der gegenwärtigen deutschen Regierung geben. Wir müssen diplomatische und korrekte Beziehungen zu ihr unterhalten; niemals aber kann es Freundschaft geben zwischen der britischen Demokratie und der Nazimacht, jener Macht, die die christliche Ethik mit Füßen tritt, sich auf ihrem Vormarsche an einem barbarischen Heidentum berauscht, sich ihrer Aggressionslust und Eroberungssucht rühmt, Kraft und perverse Lust auf Verfolgungen schöpft und, wie wir gesehen haben, mit unbarmherziger Brutalität sich der Drohung mörderischer Gewalt bedient. Niemals kann diese Macht ein verläßlicher Freund der englischen Demokratie sein. […]

Auszüge zitiert nach: W. Lautemann, M. Schlenke (Hg.), Geschichte in Quellen, Weltkriege und Revolutionen 1914-1945, Band 5, München 1961, S. 406-407.

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