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Quellen zur Weltwirtschaftskrise 1929


Die als „Schwarzer Freitag“ bekannte Weltwirtschaftskrise von 1929 markierte einen historischen Wendepunkt – und beeinflusste auch das Scheitern der Weimarer Republik. Über die Geschehnisse an den US-amerikanischen Börsen berichtete die „New York Times“ am 30. Oktober 1929:

Die Aktienkurse brachen gestern praktisch in sich zusammen, sackten rapide ab und bewirkten gigantische Verluste. Es war der katastrophalste Geschäftstag in der Geschichte der Börse. Marktwerte in Milliarden Dollar wurden vernichtet, als die Kurse unter dem Druck des panischen Wertpapierverkaufs abrutschten. […]

Der Tag war in jeder Hinsicht – gemessen an der Höhe der erlittenen Verluste, am Gesamtumsatz, an der Zahl der ruinierten Spekulanten – der schlimmste in der Geschichte der Wall Street. Hysterie ergriff das ganze Land, und die Aktien wurden zu Preisen abgestoßen, als ginge es um Zwangsverkäufe. Man schätzt […], dass gestern an der New Yorker Börse 880 marktgängige Aktien zwischen 8 und 9 Milliarden Dollar an Wert verloren haben. Dazu muss man noch den Wertverlust rechnen, den die Aktien im geregelten und ungeregelten Freiverkehr sowie an anderen Börsen erfahren haben. Stützungskäufe vonseiten der Banken, die unter normalen Umständen eindrucksvoll und erfolgreich gewesen wären, blieben völlig wirkungslos, als Aktienpakete über Aktienpakete in unvorstellbarem Ausmaß den Markt überschwemmten. […]

Ein Markt, der außer Rand und Band geraten ist, kennt keinen Respekt vor Menschen. Gestern spülte er ein Vermögen nach dem anderen hinweg und machte Tausende von Individuen in allen Teilen der Welt zu finanziellen Krüppeln. […] Gestern war Wall Street eine Straße verlorener Hoffnungen, einer seltsam lautlos um sich greifenden Besorgnis und einer Art von lähmender Hypnose. In den Büros der Börsenmakler drängten sich Männer und Frauen, auch die, die längst alles verloren hatten, und verfolgten die Zahlen auf dem Lochstreifen. Hier und dort bildeten sich kleine Gruppen, die den Kurssturz in gedämpftem und erschrockenem Ton diskutierten. Finanzgeschichte wurde gemacht, und sie nahmen daran teil.

Zitiert nach: Günter Moltmann, Die Vereinigten Staaten von Amerika von 1917 bis zur Gegenwart, Paderborn 1987, S. 17f. 


Die Weltwirtschaftskrise von 1929 hatte gravierende Folgen für die Existenz der Landwirte. Über deren Arbeits- und Lebensbedingungen berichtete der deutsche Journalist Oscar Ameringer im Jahr 1932, nachdem sich dieser fort einen Eindruck verschafft hatte:

Einige Bürger von Montana erzählten mir, dass Tausende von bushels (Scheffel) von Weizen ungeerntet auf den Feldern stünden, da der Preis so niedrig sei, dass sich die Ernte nicht lohne. In Oregon sah ich Tausende von bushels von Äpfeln, die in den Gärten verrotteten. Nur absolut einwandfreie Äpfel könnten noch verkauft werden, eine Kiste von 200 Äpfeln für 40 bis 50 Cent. Zugleich gibt es Millionen von Kindern, die wegen der Armut ihrer Eltern in diesem Winter nicht einen einzigen Apfel essen werden.

Als ich in Oregon war, beklagte die Portland Oregonian die Tatsache, dass Tausende von Schafen von den Schafzüchtern getötet würden, weil sie auf den Märkten nicht einmal die Frachtkosten bringen würden. Und während die Schafzüchter Oregons Fleisch an die Raubvögel verfüttern, sah ich Männer in den Mülltonnen von New York und Chicago nach Fleischresten wühlen. Ich sprach in einem Restaurant in Chicago mit einem Mann. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen als Schafzüchter. Er sagte, dass er in diesem Herbst 3000 Schafe getötet und in eine Schlucht geworfen habe, da es 1,10 Dollar gekostet hätte sie zu verschiffen und dann hätte er weniger als einen Dollar dafür bekommen. Er sagte, dass er es sich nicht habe leisten können, die Schafe weiter zu füttern, er habe sie aber auch nicht verhungern lassen wollen, deshalb habe er ihnen die Kehle durchgeschnitten und sie in die Schlucht geworfen. […]

Als Resultat dieser entsetzlichen Überproduktion auf der einen Seite und der atemberaubenden Unterkonsumption auf der anderen waren 70 Prozent der Farmer in Oklahoma nicht mehr in der Lage, die Zinsen für ihre Hypotheken zu zahlen. […] Die Farmer werden pauperisiert durch die Armut der industriellen Bevölkerung und die industrielle Bevölkerung wird pauperisiert durch die Armut der Farmer. Keiner hat das Geld, das Produkt des anderen zu kaufen, dadurch haben wir Überproduktion und Unterkonsumption zur gleichen Zeit und in dem gleichen Land.

Zitiert nach: Colin Gordon, Major Problems in American History, 1920-1945, Boston 1999, S. 243f, übersetzt von Boris Barth.


Herbert Hoover war während der Weltwirtschaftskrise 1929 Präsident der USA. Im 1952 veröffentlichten dritten Band seiner „Memoiren“ rechtfertige Hoover rückblickend die politischen Entscheidungen seiner Regierung im Kontext des damaligen „Börsencrashs“ :

Beim Zusammenbruch des Aktienmarktes im Oktober und November [1929] erhob sich sofort die grundsätzliche Frag, ob der Präsident und die staatlichen Organe es unternehmen sollten, die sich daraus ergebenden üblen Folgen zu mildern und Gegenmaßnahmen zu treffen. Kein Präsident war bis dahin auf den Gedanken gekommen, dass in solchen Fällen dem Staat irgendeine Verantwortlichkeit zufalle. Ganz gleich, wie dringend es bei früheren Gelegenheiten auch gewesen sein mochte, immer standen die Präsidenten unerschütterlich auf dem Standpunkt, die Bundesregierung habe mit solchen Ausbrüchen nichts zu tun; man hatte es solchen Eruptionen stets überlassen, sich auszutoben. […]

Da es aufseiten der Regierung also an Erfahrungen fehlte, handelte es sich für uns um ein völliges Neuland. […] Ich möchte hier ausdrücklich noch einmal feststellen, dass es selbst Präsidenten nicht gegeben ist, in die Zukunft zu sehen. Wirtschaftsstürme entstehen nicht ganz plötzlich, aber sie ändern sich ohne Vorwarnung. In den drei Jahren der wirtschaftlichen Rückschläge und der Depression, mit denen ich zu tun hatte, änderten sie sich wiederholt zum Schlimmeren – und dies mit der Schnelligkeit eines Blitzes. Wir hätten manches besser machen können – wenn man es von heute her sieht. […] Wir von der Regierung betrachteten jedoch die nächste Zukunft mit größerer Sorge, teils weil wir die entsetzliche Kreditinflation am Aktienmarkt kannten und teils weil wir die zukünftige Entwicklung der europäischen Wirtschaft fürchteten. Vielleicht kannte ich aufgrund meiner Erfahrungen in Europa während des Jahres 1919 und meiner Kenntnisse der wirtschaftlichen Folgen des Versailler Vertrages die dortige Lage besser als viele andere.

Bei der Besprechung innerhalb der Regierung entwickelten sich bald zwei gedankliche Hauptrichtungen. Zunächst gab es die Leute, die ihre Hände aus allem heraushalten wollten, unter Führung des Finanzministers Mellon, der die Ansicht vertrat, man sollte sich nicht einmischen und es dem Zusammenbruch überlassen, sich selber zu liquidieren. Mr. Mellon verfügte nur über eine Formel: „Die Arbeiterschaft liquidieren, die Farmer liquidieren, Immobilien liquidieren.“ Er behauptete, wenn die Menschen eine Inflation als fixe Idee in ihrem Hirn hätten, dann gäbe es nur eine Möglichkeit, sie ihnen auszutreiben, den Zusammenbruch. Er vertrat die Ansicht, dass selbst eine Panik alles in allem durchaus nichts Schlimmes sei, und sagte: „Sie vertreibt die Giftstoffe aus dem Organismus. Die hohen Lebenshaltungskosten fallen, und dem luxuriösen Leben wird ein Ende gesetzt. Die Menschen werden schwer arbeiten und ein moralischeres Leben führen. Die Werte werden einander wieder angeglichen, und tatkräftige Menschen nehmen den weniger Befähigteren die Trümmer aus der Hand.“ […]

Die eigentliche Schwierigkeit bei ihm lag daran, dass er sich nicht davon abbringen ließ, man habe es hier mit einem der üblichen Rückschläge bei einer Hausse [Anstieg des Aktienkurses] zu tun, und dass er die Lage in Europa nicht ernst nehmen wollte. Auch unterschätzte er, ebenso wie wir übrigen, die Schwäche unseres Bankensystems.

Zitiert nach: Herbert Hoover, Memoiren, Bd. 3: Die große Weltwirtschaftskrise 1929-1941, übersetzt von Werner von Grünau, Mainz 1952, S. 33-35.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 29. Februar 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 3. Juli 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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