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Meuterei der Matrosen in Wilhelmshaven


Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs kam es im Kaiserreich zu Matrosenaufständen in Kiel und Wilhelmshaven. Sie führten in den folgenden Tagen zum Ausbruch der Novemberrevolution. Am 31. Oktober 1918 schilderte ein Wilhelmshavener Marinesoldat seinem Vater in einem Brief die Geschehnisse über die Meuterei gegen den Flottenbefehl seines Kommandaten:

Meuterei der Matrosen in Wilhelmshaven

Hoffentlich kommt dieser Brief nicht in unrechte Hände. Also es sind große Dinge passiert bei der Kaiserlichen Marine. Sämtliche Linienschiffe und Panzerkreuzer meutern […]. Wir waren mit unserer Flottille eine Zeitlang draußen und hatten in der Nordsee aufgeklärt. Als wir nun vor einigen Tagen einlaufen wollten, sahen wir, daß vor der Wilhelmshavener Einfahrt die ganze deutsche Flotte mit sämtlichen großen Schiffen und Torpedobooten vor Anker lag, und wir mußten uns ebenfalls dorthin legen. Alles war erstaunt, niemand wußte Genaues. Plötzlich hieß es, der Flottenchef will in der deutschen Bucht Flottenmanöver machen. Auf den plumpen Blödsinn fiel natürlich keiner herein. Man bedenke aber auch diesen Unsinn, jetzt – mitten in der Krisis – ein großes Flottenmanöver abzuhalten.

Der erste „Seeklar“-Befehl war nun auf Mittwochnacht festgesetzt worden, wurde aber dann plötzlich auf Donnerstag verlegt. Wir auf den abseits liegenden Booten wußten nicht, was los war, man hörte wohl etwas munkeln von Meuterei und Aufruhr, aber man glaubte es nicht. Gestern hieß es nun plötzlich: „B 97“ und „112“ (ein anderes Boot unserer Halbflottille) stehen von 8 Uhr an zur Verfügung. Chef des 1. Geschwaders.“ Wir gingen um 8 Uhr längsseits von S.M.S. „Ostfriesland“, worauf sich der Chef des 1. Geschwaders befindet, der dann bei uns an Bord stieg. Wir wußten nun noch immer nicht, was wir von der ganzen Sache halten sollten, bis dann unser Halbflottillenchef die ganze Besatzung im Wohndeck antreten ließ. Dann hat er uns eine Rede gehalten, die ich in meinem Leben nicht wieder vergessen werde. Es wäre etwas Trauriges passiert, auf allen Geschwadern hätte die Besatzung verschiedener Schiffe den Gehorsam verweigert. Als die Flotte auslaufen sollte, hätten die Mannschaften den Feuerlöschapparat angestellt, so daß in allen Kesseln das Feuer ausging. Bei jedem „Seeklar“-Befehl hätten sie dasselbe gemacht und infolgedessen das Auslaufen der Flotte verhindert. Man fragte sie nach dem Grund, worauf sie antworteten, sie würden sonst keinen Befehl verweigern, aber unter keinen Umständen auslaufen. Sie wollten den Verzweiflungskampf der deutschen Flotte nicht mitmachen.

An höherer Stelle sagte man sich, ehe wir die Flotte ausliefern, setzen wir alles auf eine Karte. Lieber lassen wir alles kurz und klein schießen, ehe wir dem Engländer unsere schöne Flotte ausliefern. Und wie auch der Kommandant S.M.S. „Thüringen“ sagte: „Wir verfeuern unsere letzten 2000 Schuß und wollen mit wehender Flagge untergehen.“ Darauf haben sie zu ihm gesagt, er solle allein losfahren und nun ging der Krach los. Auf „Thüringen“ und „Helgoland“ vom 1. Geschwader war es am schlimmsten. Die Meuterer hatten sich im Vorschiff verbarrikadiert. Auf „Helgoland“ hatten sie drei Geschütze besetzt. Die Rede, die unser Halbflottillenchef hielt, kann ich hier nicht ausführlich schreiben, er teilte uns nur mit, daß wir vom Befehlshaber der Torpedoboote dazu bestimmt seien, hier wieder Ordnung zu schaffen, und falls es die „Pflicht“ erfordern sollte, müßten wir die Waffen gegen die eigenen Kameraden erheben. Wie uns zumute gewesen ist, kann ich keinem Menschen erzählen. Wir machten unsere Maschinengewehre, unsere Geschütze und Torpedos klar und fuhren etwa bis auf 200 Meter an die „Thüringen“ heran. Inzwischen war aus Wilhelmshaven ein Dampfer mit 250 Marineninfanteristen eingetroffen, die die Aufrührer wegtransportieren sollten. Fall sich nun dieselben weigern sollten, den Dampfer zu betreten, sollte „B 97“ dazwischenschießen […].

Endlich nach einer Stunde gaben die Aufständischen ihre Sache auf und zeigten durch die Bullaugen die Rote-Kreuz-Flagge. Sie ließen sich dann, ungefähr 600 Mann, ruhig an Bord des Dampfers bringen […]. Den Zweck haben sie ja erreicht, die Flotte wird in der nächsten Zeit nicht auslaufen, und wenn wir jedenfalls auch darunter leiden müssen, aber unsere Zeit kommt bald und der Friede muß bald kommen. Sonst machen wir ihn uns selber. Die Marine macht nicht mehr mit – wenn nur die Armee und das Volk bald folgt […]. So lieber Papa, das ist nun, was ich Dir vorläufig mitteilen kann. Beunruhigt Euch nun nicht, wenn’s auch etwas drunter und drüber geht. Totschießen lassen wir uns nicht mehr die letzten Tage.

Zitiert nach: Bergische Arbeiterstimme, Solingen Nr. 266 vom 12. November 1918. 

Verfasst von Fabio Schwabe

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