Historisches Quellenmaterial

Brünings Deflationspolitik


Auf die durch die Weltwirtschaftskrise (1929) ausgelöste Krisensituation reagierte der seit 1930 amtierende Reichskanzler Heinrich Brüning mit einer Deflationspolitik. Sozialausgaben, Löhne und Preise wurden gesenkt, um deutsche Produkte auf dem Weltmarkt billiger zu machen und den Export anzukurbeln. Seine wirtschaftspolitische Strategie erläuterte Brüning vor den Vereinigten Ausschüssen des Reichsrates am 13. August 1931:

Eine Erholung der Weltwirtschaft gibt es erst dann, wenn der Tiefpunkt der Preise erreicht wird, wenn die Menschen wissen, jetzt geht es mit den Preisen nicht mehr weiter herunter, sondern kann nur langsam wieder hinaufgehen. Dann erst können die gesamten Maßnahmen getroffen werden, die notwendig sind, dann erst kann das Preisniveau der Waren wieder in das richtige Verhältnis zum Volumen der Waren kommen. Bis dahin gibt es in der ganzen Welt nur ein Herumtappen, und jedes Volk kann sich nur darauf einrichten, dass es sehen muss, wie es aus dieser Situation kommt. […]

Das Jammern macht in der Welt gar keinen Eindruck, ob von Kreisen der Industrie oder der Landwirtschaft. Die Welt ist sich heute darüber aber im Klaren, dass die Reparationszahlungen in der bisherigen Höhe nicht mehr fortgesetzt werden können, sei es offen oder wenigstens im Stillen. Sehr schwer ist es ja doch, den Völkern klarzumachen, nachdem der Young-Plan nun ein Jahr in Kraft ist und als stabile Lösung angesehen wurde, dass es mit den Reparationen nichts ist. Man braucht Zeit für diese Erkenntnis, und die Politik der Reichsregierung, keine populäre Politik zu machen, hat absolute Bestätigung gefunden. Wir musste die Initiative den anderen zuschieben; die letzten Ereignisse haben sicher den Gutwilligen klargemacht, dass wir bei eigener Initiative einen politischen Block bekommen hätten, der eine andere Reichsregierung zur Folge gehabt hätte. Es bleibt nichts anderes übrig, um wieder Kredit zu bekommen, als der Welt zu zeigen, was wir leisten können. Die Gefahr, dass daraus hinsichtlich der Reparationen in positiver Hinsicht Schlüsse gezogen werden können, ist nicht mehr groß. Es muss der letzte Schleier von Deutschland weggezogen werden und die Dinge ganz offen so dargestellt werden, wie sie sind. […]

Es kommt ja heute darauf an, das zurückgezogene Kapital, das an sich im Laufe eines Jahres ersetzt werden kann, durch den Erlass der Reparationen für dieses Jahr nur für einige Monate auszugleichen, d. h. also einen Weg zu finden, der uns den Endeffekt am Ende des Jahres jetzt schon zur Verfügung stellt. Außer diesem Weg der Kreditierung ausländischer Rohstoffimporte gibt es noch einen zweiten Weg, worüber ich aber jetzt noch nicht sprechen werde. Es besteht eine sichere Notwendigkeit, überall zu erneuten Sparmaßnahmen zu kommen. […] Eine kurzfristige Verschuldung von Ländern und Gemeinden im Tempo wie in den vergangenen Jahren muss aufhören. Es ist unmöglich, das Bankensystem noch einmal zu retten, wenn man plötzlich vor Tatsachen gestellt wird, die uns zum Teil erst in letzter Stunde bekannt geworden sind. De Dinge liegen zwar in den Ländern verschieden. Aber die Tatsache, dass ein großer Teil der Illiquidität auf diese enorme kurzfristige Verschuldung zurückzuführen ist, müsste jedem verantwortlichen Politiker im Reich, Ländern und Gemeinden die Augen öffnen, dass mit diesem System Schluss gemacht werden muss.

Zitiert nach: Walter Steitz (Hrsg.), Quellen zur deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik, Darmstadt 1993, S. 458-462. 

Verfasst von Fabio Schwabe
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