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Quellenverweise

Paul Pfizer: Briefwechsel zweier Deutschen

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In der Zeit des Vormärz setzten sich deutsche Studenten und Professoren in sogenannten Burschenschaften zusammen und forderten gemeinsam Freiheitsrechte und die Gründung eines vereinigten Nationalstaates. Diesbezüglich publizierte der schwäbische Jurist Paul Pfizer im Jahr 1831 in Tübingen den Roman „Briefwechsel zweier Deutschen“, in der er die Forderungen und Notwendigkeit der Deutschen nach einem Nationalstaat illustrierte:

„Briefwechsel zweier Deutschen“

Freiheit im Innern und Unabhängigkeit nach außen oder persönliche Freiheit und Nationalität sind die beiden Pole, nach denen alles Leben des Jahrhunderts strömt, und die französische Nation ist die erste Nation der Welt geworden, weil sie diese beiden Grundrichtungen der Gegenwart am reinsten in sich aufgenommen hat, in ihrer Unzertrennlichkeit am kräftigsten und entschiedensten der Welt vor Augen stellt. Nachdem Jahrhunderte lang alle Rechte der Völker in dem Recht und der Persönlichkeit der Fürsten aufgegangen, hat man sich endlich überzeugt, daß nicht die Völker um der Fürsten, sondern die Fürsten, um der Völker willen vorhanden sind, und daß die Völker selbst auch Rechte besitzen, welche von der Person des sie regierenden Monarchen unabhängig bleiben. Nach früheren Begriffen war der Landesherr im eigentlichen Sinne Herr und Eigentümer von Land und Leuten, er vertauschte, verkaufte, verpfändete sein Gebiet, und konnte so mit vollem Rechte von sich sagen: der Staat bin ich. Seitdem man aber zwischen Rechten der Fürsten und der Völker einen Unterschied macht und einsieht, daß vernünftigerweise das Wohl eines ganzen Landes oder Volkes dem Interesse eines Fürsten oder einer Familie vorgehen muß, ist das Prinzip der Nationalität in der europäischen Staatengeschichte zur Herrschaft gekommen. Die Nationen sind jetzt das geworden, was früher die Monarchien oder die Dynastien waren. Zwar glauben manche, mit dem Fall jener mittelalterlichen Art von Fürstenmacht müsse auch der Gegensatz der Länder und Völker seine Bedeutung verlieren, ein gemeinschaftliches Band werde künftig die gesamte Menschheit verknüpfen und so das goldene Zeitalter wiederkehren, wo kein Unterschied des Standes und der Abkunft mehr gelte, sondern an deren Stelle die absolute Freiheit und Gleichheit trete. Aber wie es zu einem vollkommenen Organismus gehört, daß jeder Körperteil seine eigentümliche Bestimmung, Bildung und Verrichtung habe, indem nur auf der niedrigsten Stufe der Organisation verschiedenartige Funktionen in einem Organ zusammenfallen, so gehört es auch zum Organismus der Menschheit, daß jede Nation ihre eigentümliche Lebensaufgabe löse und erfülle und in diesem Geschäft nicht durch die Herrschsucht und Gewalt der anderen gestört und aufgehalten werde. Deutschland, die Heimat des Gemüts und des Gedankens, der tiefsten Innerlichkeit, wird ewig mit Frankreich, dem Lande der Bewegung und des äußerlichen Lebens, einen Gegensatz bilden, der es unmöglich macht, daß sich Deutschland unter Frankreichs Oberherrschaft auf die Dauer wohl befinde […]. Die Nationalunterschiede werden nicht aufhören; aber Nationalität und persönliche Freiheit müssen forthin Hand in Hand gehen, und man sollte endlich anerkennen, daß die ganze Größe Frankreichs darin besteht, das Prinzip der inneren Freiheit in ihrer wesentlichen Einheit mit der äußeren darzustellen. Es wäre Zeit, daß man sich endlich einmal gestände und klar darüber würde, daß die Franzosen die Führer und Leiter der Zivilisation, das tonangebende Volk in Europa nicht dadurch geworden sind, daß sie die Grundsätze der Freiheit bekennen und predigen, sondern dadurch, daß sie dieselben als Nation bekennen und mit dem ganzen Gewicht ihre Nationalität unterstützen. Will daher Deutschland in die Schule der Franzosen gehen, so darf die Nachahmung nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Mit den bloßen Grundsätzen bürgerlicher Freiheit, so verdienstlich und notwendig ihre Verbreitung auch sein mag, ist Deutschland noch lange nicht geholfen. Mit allem Freiheitsdrang der einzelnen werden die Deutschen ewig eine armselige Rolle spielen, und ein mitleidiges Belächeln ihrer schwachen Gutmütigkeit wird im Ausland der ganze Lohn für ihren Enthusiasmus sein, solange sie nicht als Nation die Freiheit wollen oder gar zu glauben scheinen, daß Abhängigkeit vom Ausland zum Begriff der deutschen Freiheit gehöre. Es ist freilich eine Torheit zu verlangen, daß die Deutschen die innere Freiheit ganz vergessen sollen, bis sie die äußere Unabhängigkeit gesichert haben; es ist aber ebenso verkehrt oder noch verkehrter, die letztere der erstern aufopfern zu wollen.

Auszüge zitiert nach: P. A. Pfizer, Gedanken über das Ziel und die Aufgabe des Deutschen Liberalismus, neu hrsg. u. bearb. v. G. Küntzel, Berlin 1911, S. 340 f.

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