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Verfassungsurkunde der Jenaischen Burschenschaft


Die europäischen Fürsten hatten sich auf dem Wiener Kongress für die Restauration und die Gründung des Deutschen Bundes entschieden. Seit 1815 organisierten sich patriotische Studenten in Burschenschaften, in denen sie ihre politischen Forderungen nach Freiheit und Einheit bekundeten. Im Folgenden ist die Verfassungsurkunde der Jenaer Burschenschaft vom 12. Juni 1815 dargestellt:

Verfassungsurkunde der Jenaischen Burschenschaft

Lange Zeit wurden durch die Studierenden auf deutschen Universitäten und durch deren Verbindungen die Eigenthümlichkeiten der einzelnen deutschen Stämme und die Liebe zu den einzelnen deutschen Ländern bewahrt, aber eben dadurch gewöhnte man sich nach und nach daran, das gemeinsame Vaterland aus den Augen zu verlieren, und sich selbst nur als einen Theil eines bestimmten Volksstammes zu denken. Zwar hat die Natur uns Deutsche in einzelne Stämme getheilt; heilig sey uns ihr Werk! aber sichtbar muß auf Universitäten das Volksgefühl  in einer eignen Bildung hervortreten, damit wir uns stets des gemeinsamen Vaterlandes erinnern, und stets in der allgemeinen Volksthümlichkeit fortstreben mögen.

Auf deutschen Universitäten können und dürfen daher solche Verbindungen nie geduldet werden, denn durch sie wird geradezu das vernichtet, was erstrebt werden soll, und statt die Einzelnen der verschiedenen deutschen Stämme an einander näher zu bringen, werden sie viel mehr auseinander gezogen, jeder hält sich zu den Seinigen und steht den Übrigen wenn auch gerade nicht feindseelig, doch fremd gegenüber. In einem Zeitpunkte, wo sich der Deutsche dem Deutschen überall nähern, wo nur ein Geist alle Deutschen beleben und ganz Deutschland überströmen soll, wäre es eine Schande, wenn gerade auf Universitäten, von denen doch alles Bessere ausgehen, und sich über das gemeinsame Vaterland verbreiten sollte, wenn auf diesen dieser schöne Geist erstarren, und Kleinländereien und Erbärmlichkeiten weichen sollte, die doch nur in dem Getrenntseyn der verwandten deutschen Stämme ihren Ursprung und ihre Rechtfertigung finden konnten. Daher soll und darf auf deutschen Universitäten nur eine Einheit bestehen, alle Studierenden müssen zu einer Verbindung gehören, alle müssen Mitglieder einer Burschenschaft werden.

Nur in der edlen Liebe, nur in dem großen Gedanken an ein gemeinschaftliches allumfassendes Vaterland, an den gemeinsamen deutschen Vaterheerd kann sich der Deutsche groß und zu jeder Heldenthat entschlossen fühlen; denn der Gedanke eines Brüdervolkes, in dem sich alle einzelne Stämme vereinen, das lebendige Bewußtseyn, Kinder des einen großen mütterlichen Landes zu seyn, umschlungen von den Banden des einen germanischen Volkes, erhebt zu jenen gewaltigen Empfindungen des wahren Gemeingeistes und Volkssinnes, welche die Wunder der Vaterlandsliebe in der Geschichte verrichten lassen.

Erhoben von dem Gedanken an ein gemeinsames Vaterland, durchdrungen von der heiligen Pflicht die jedem Deutschen obliegt auf Belebung deutscher Art und deutschen Sinnes hinzuwirken, hierdurch deutsche Kraft und Zucht zu erwecken, mithin die vorige Ehre und Herrlichkeit unsers Volkes wieder fest zu gründen, und so es für immer gegen die schrecklichste aller Gefahren, gegen fremde Unterjochung und Despotenzwang zu schützen, ist ein Theil der Studierenden in Jena an untergesetztem Tage zusammengetreten, und hat sich beredet, eine Verbindung unter dem Namen einer Burschenschaft zu gründen. […]

Auszüge zitiert nach: Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, Bd. 1, hrsg v. Herman Haupt, Heidelberg 1910, S. 122-124.

 

Verfasst von Fabio Schwabe

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