Gorbatschows Rede über Perestroika und Glasnost

Am 2. November 1987 hielt der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow – anlässlich des 70. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution – eine historische Rede. In dieser sprach er über die Notwendigkeit von innenpolitischen Reformen, die unter dem Begriff „Perestroika und Glasnost“ bekannt wurden. Sie modernisierten die Sowjetunion und leiteten das Ende des Kalten Krieges ein:

Genossen! Eine feste Basis für den beschleunigten Vormarsch in allen Richtungen kann nur durch grundlegende Veränderungen in der Wirtschaft geschaffen werden. Auch die Umgestaltung selbst wird ihre ganze Stärke nur dann erreichen, wenn sie die ganze Volkswirtschaft von Grund auf aufrüttelt. Das seinerseits ist verknüpft mit tiefgreifenden Wandlungen im Wirtschaftsmechanismus, im gesamten System der Wirtschaftsleistung.

Die im ganzen Lande eingeleitete Wirtschaftsreform verfolgt das Ziel, in den nächsten zwei bis drei Jahren den Übergang vom übermäßig zentralisierten und weisungsgebundenen Leistungssystem zu einem demokratischen System zu sichern, das vorwiegend auf ökonomischen Methoden, auf einem normalen Verhältnis von Zentralleitung und Selbstverwaltung beruht. Ein solches System setzt eine bedeutende Erweiterung der Selbstständigkeit von Vereinigungen und Betrieben, ihre Umstellung auf volle wirtschaftliche Rechnungsführung und Eigenfinanzierung sowie die Ausstattung der Arbeitskollektive mit den dazu nötigen Rechten voraus. […]

Jeder Mensch besitzt seine sozialen Erfahrungen, seinen Stand von Wissen und Bildung, seine Besonderheiten bei der Rezeption des Geschehens. Daher rührt das ungewöhnlich breite Spektrum der Meinungen. […] Wir sind für eine mannigfaltige öffentliche Meinung, für ein reiches geistiges Leben. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, schwierige Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung offen aufzuwerfen und zu lösen, Kritik zu üben und zu diskutieren. Gerade unter solchen Bedingungen setzt sich die Wahrheit durch, formen sich richtige Entscheidungen. […]

Der Marxismus-Leninismus als schöpferische Lehre ist keine Sammlung fertiger Rezepte und doktrinärer Vorschriften. Dem engstirnigen Dogmatismus abgeneigt, sichert die marxistisch-leninistische Lehre eine aktive Wechselwirkung der bahnbrechenden theoretischen Gedanken mit der Praxis […]. Die brennendsten und dringendsten Bedürfnisse führten uns an den Schluß über die Notwendigkeit der Umgestaltung heran. Aber je tiefer wir in unsere Probleme eindrangen […], desto klarer wurde, daß die Umgestaltung auch einen umfassenderen gesellschaftlich-politischen und historischen Zusammenhang hat. Die Umgestaltung ist nicht nur das Abschütteln von Stagnation und Konservatismus der vorausgehenden Perioden und die Ausbesserung zugelassener Fehler, sondern auch die Überwindung historisch begrenzter, überholter Züge der Gesellschaftsorganisation und der Arbeitsmethoden. […]

Zwei Schlüsselprobleme der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmen das Schicksal der Umgestaltung. Das sind die Demokratisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens und eine radikale Wirtschaftsreform. Unsere Hoffnung auf die revolutionäre Läuterung und Wiedergeburt besteht darin, die gewaltigen sozialen Ressourcen des Sozialismus durch Aktivierung der Persönlichkeit, des Faktors Mensch zu erschließen.

Auszüge zitiert nach: Gorbatschows historische Rede. Zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution – Perestroika und Glasnost. Wochenschau 16/17, Abschied vom Sozialismus, Sowjetunion heute, Sonderausgabe im November 1987, hrsg. v. Presseabteilung der Botschaft der UdSSR in Zusammenarbeit mit der Informationsagentur Nowosti.

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 04.06.2019 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 04.06.2019. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

Bereit zum Pauken?

Die nächste Klausur steht an und das nächste Abitur kommt bestimmt? Mit unseren Lernmaterialien kannst du sofort starten und für dein Thema lernen. Zeig’s deinen LehrerInnen! 

Alle Lernmaterialien zum Mega-Sparpreis

In unserem Lernshop bieten wir alle Lernmaterialien zu allen Themen auch in unserem Mega-Sparbundle an. 

Geschichte kompakt Version 3 geht online! Jetzt mit 1€ unterstützen!

Nun ist es soweit – Geschichte kompakt geht in den dritten Relaunch seit 2012! Wir freuen uns darüber, dass sich unser Projekt – mit jährlich zwei Millionen Nutzern – zu einer der führenden Geschichtsseiten entwickelt hat.

Mit unserem neuen Webauftritt möchten wir uns für eure Treue bedanken: Eine neue Navigation, Grafiken und ein interaktives Forum sollen euch das Lernen für das Fach Geschichte erleichtern. Schüler, Lehrer und Historiker sind bei uns jederzeit willkommen. Ihr könnt uns gerne euer Feedback und Verbesserungsvorschläge im Forum mitteilen. 

Geschichte kompakt ist und bleibt ein Projekt, dass von nur zwei Personen betrieben wird. Durch immer neue Anforderungen und die Notwendigkeit höherer Serverkapazitäten steigen auch unsere Kosten stetig. Wir finanzieren uns vollständig über Werbung und unseren Lernshop. Mit einer Spende von nur 1€ trägst du dazu bei, dass Geschichte kompakt weiterhin kostenlos bleibt. Du hilfst uns dabei, neben den Websites der großen Verlage, bestehen zu bleiben.

Vielen Dank und viel Spaß mit unserem neuen Portal.

Fabio Schwabe und Christopher Schwab