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Henry Kissinger über das Ende des Kalten Krieges


Die Jahre 1990/91 gelten als Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie leiteten das Ende des Kalten Krieges ein und führten die Auflösung der Sowjetunion herbei. Über die möglichen Hintergründe äußerte sich der frühere Außenminister Henry A. Kissinger (1973-1977) in seinem 1994 erschienenen Buch „Die Vernunft der Nationen“:

Kissinger über das Ende des Kalten Krieges

Die fatale Schwäche des aufgedunsenen Sowjetimperialismus wurzelte in der Tatsache, dass seinen Machthabern im Laufe der Zeit jedes Gefühl für Verhältnismäßigkeiten abhanden gekommen war. Sie hatten die Fähigkeit des sowjetischen Systems, seine militärischen wie wirtschaftlichen Erfolge zu festigen, überschätzt und völlig aus den Augen verloren, dass die Basis, von der aus sie alle anderen Großmächte herausforderten, eigentlich außerordentlich schwach war. Außerdem konnten sich sowjetische Machthaber nie eingestehen, dass ihr System in tödlichem Ausmaß unfähig war, Initiative und Kreativität zu fördern, und dass die Sowjetunion trotz ihrer militärischen Macht in Wirklichkeit noch immer ein rückständiges Land war. […]

Gorbatschow [hat…] eine der bedeutendsten Revolutionen seiner Zeit bewerkstelligt: Er zerstörte die ehedem speziell zum Zweck der Machtergreifung und -erhaltung gegründete Kommunistische Partei, welche das Leben in der Sowjetunion bis in den hintersten Winkel kontrolliert hatte; er hinterließ ein in Stücke gesprungenes Weltreich, das über Jahrhunderte hinweg mühevoll zusammengefügt worden war. […] Er wollte Modernisierung, nicht Freiheit; er hat versucht, die Kommunistische Partei nach außen hin zu öffnen, nicht aber den Zusammenbruch jenes Systems einleiten wollen, das ihn hervorgebracht hatte und dem er seinen Aufstieg verdankte. Gorbatschow, der von seinem eigenen Volk für das Ausmaß des während seiner Amtszeit eingetretenen Desasters verantwortlich gemacht wurde, […] sah sich ungemein schwierigen, vielleicht unüberwindlichen Problemen gegenüber. […]

Vierzig Jahre Kalter Krieg hatten die Industrienationen zu einem mehr oder weniger festen Bündnis gegen die Sowjetunion zusammengeführt. […] Gleichzeitig stellte die strategische Aufrüstung der USA, vor allem SDI [Strategic Defense Initiative], eine technologische Herausforderung dar, der die stagnierende, strapazierte sowjetische Wirtschaft nicht gewachsen war. Als dann der Westen mit der Weiterentwicklung des Mikrochips noch eine Supercomputer-Revolution in Gang setzte, sah der neue sowjetische Generalsekretär sein Land in die technologische Unterentwicklung abdriften.

Trotz der letztlich verheerenden Entwicklungen verdient Gorbatschow Anerkennung, weil er bereit war, sich mit dem Dilemma der UdSSR auseinanderzusetzen. Anfangs mag er geglaubt haben, er könne dem System durch Säuberungen innerhalb der Kommunistischen Partei und durch die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente in die zentrale Planwirtschaft neuen Schwung verleihen. Wenngleich er noch keine Vorstellung von dem Umfang seiner innenpolitischen Vorhaben hatte, so wusste er doch, dass er dafür eine Zeit außenpolitischer Ruhe brauchte.

Zitiert nach: Henry A. Kissinger, Die Vernunft der Nationen, Berlin 1994, S. 847 u. 872ff. 

Verfasst von Fabio Schwabe
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