Historisches Quellenmaterial
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Quellen zur Umweltverschmutzung in der Industrialisierung


Der Schriftsteller Hugo Wauer schrieb rückblickend über die städtischen Herausforderungen Berlins bezüglich des Abwassers im Zuge der Industrialisierung:

Es war erlaubt, Gefäße, die unreine Flüssigkeiten ohne feste Bestandteile enthielten, in den Straßenrinnstein zu entleeren; aber die Dienstmädchen machten sich keineswegs ein Gewissen daraus, diese Opferstätten mit recht unappetitlichen „festeren Bestandteilen“ zu dekorieren. […] Die besseren Wohnungen hatten ihre Kloseträume, aber ohne Abfluß. Nachts durchfuhren geschlossene Wagen von der Größe unserer allergrößten modernen Möbelwagen die Straßen. Jeder dieser Wagen führte etwa hundert verdeckte Eimer. Zehn bis zwölf mit Laternen ausgerüstete alte Frauen begleiteten das unheimliche Gefährt, drangen mit leeren Eimern in jedes Haus, holten die gefüllten und stellten sie in den Wagen. Kam man um diese Zeit nach Hause, dann mußte man mit fest an Nase und Mund gepreßtem Taschentuch das Treppenhaus durcheilen! […] Jedes Haus hatte auf dem Hofe Abtritte für die kleineren Mieter und die Dienerschaft. Zu jedem Abtritt gehörte eine Senkgrube von 2, 3 Metern Tiefe und Breite. War diese gefüllt, was etwa alle zwei Monde der Fall war, dann kamen Bauern aus den naheliegenden Dörfern, schaufelten den kostbaren Inhalt in ihre offenen, keineswegs undurchlässigen Kastenwagen und fuhren holpernd, stuckernd, „von Düften duftend süß“ und deutliche Spuren hinterlassend, der Heimat zu! Von diesen unbeschreiblich ekelhaften und gesundheitsschädlichen Plagen hat uns Anfangs der sechziger Jahre die Kanalisation erlöst! Es ist unmöglich, in kurzen Worten den Dank auszurücken, den wir ihr dafür schulden!

Zitiert nach: Hugo Wauer, Humoristische Rückblicke auf Berlins „gute alte“ Zeit von 1834 bis 1864. Miterlebtes, Berlin 1910, S. 69ff. 


Eine Fachzeitschrift für Gesundheitspflege veröffentlichte im Jahr 1895 einen Artikel über den Umgang mit Müll:

Wenn Sie im ersten Frühling eine Reise machen, erkennen Sie das Nahen einer größeren Stadt zuerst an den Aeckern, welche mit städtischem Kehricht „gedüngt“ sind; überall blinken ihnen Scherben entgegen, dazwischen sehen sie Conservenbüchsen, Stecke von Reifröcken, von Corsets, von Sprungfedern, zerbrochene Kämme u. dergl.; die Hecken und Raine hängen voll Papier und Lumpenfetzen. An anderen Stellen erblicken Sie ganze Scherbenberge; Unebenheiten im Terrain, verlassene Kiesgruben u. dergl. sind mit Kehricht ausgefüllt; manchmal erkennen Sie schon die Linien der ausgelegten Strassen, die gerade über eine solche Aufhöhung als Bauuntergrund hinführen sollen. Der Städter, welcher seinen Osterspaziergang machen will, kommt vor den Thoren in diesen Graus. Einige Wochen später deckt allerdings das spriessende Grün mitleidig das Schlimmste zu, aber in trockener Zeit verstäubt auch jetzt noch viel davon über das Land hin in benachbarte Wohnungen oder in die ländlichen Milchkeller, aus denen die Stadt mit Milch versorgt wird.

Zitiert nach: Beseitigung des Kehrichts und anderer städtischer Abfälle, besonders durch Verbrennung, in: Deutsche Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege 1895, S. 11.


Im Jahr 1904 rief der Dresdener „Bund Heimatschutz“ angesichts der Auswirkungen durch die Industrialisierung zum Erhalt der Natur auf: 

Heide und Anger, Moor und Wiese, Busch und Hecke verschwinden, wo irgend ihr Vorhandensein mit einem sogenannten rationellen Nutzungsprinzip in Widerstreit gerät. Und mit ihnen verschwindet eine ebenso eigenartige als poetische Tier- und niedere Pflanzenwelt. In der Fortwirtschaft gilt […] vielfach ausschließlich der Gesichtspunkt, hohe Erträge zu erzielen. Namentlich in Gemeindeverwaltungen und Privatforsten wird nur allzu oft jede ideale Rücksicht beiseite geschoben. Selbst die Kuppen unserer Berge, welche die Linien der Landschaft seit Urzeiten bestimmen, die phantastischen Feldbildungen, welche die Abhänge unserer Täler schmücken, werden durch Steinbrüche angetastet, die häufig genug an gleichgültigeren Stellen angelegt werden könnten. Den Zauber einsamer Gebirgswelt vernichtet man durch aufdringliche Bauten. Eiserne Brücken spannt man in unschönen, das Landschaftsbild verunstaltenden Formen über unsere Wasserläufe, auch da, wo allen Anforderungen der Zweckmäßigkeit mit schlichten Stein- und Holzbrücken zu entsprechen gewesen wäre. Bäche und Flüsse werden zugunsten praktischer Zwecke so völlig umgestaltet, daß in ihrer natürlichen Schönheit nichts mehr übrigbleibt. Der Baum, der seit Jahrhunderten Schatten gespendet, wird den Theorien der Wegebaukommission zuliebe gefällt; das alte Tor, das vorspringende Haus wird niedergerissen, weil der enge Durchgang, die krumme Straße angeblich nicht mehr den Forderungen des Verkehrs entspricht; dies aber nicht nur in den Städten mit einigen hunderttausend Einwohnern, sondern in jeder Mittel- und Kleinstadt bis zum winzigsten Flecken herab, weil sie alle von der Sucht geplagt werden, großstädtisch scheinen zu wollen. […] Wir haben nicht die törichte Absicht, die außerordentlichen Errungenschaften der Gegenwart auf praktischem Gebiet zurückdrängen zu wollen. Wohl aber dürfen wir einen Ausgleich anstreben zwischen jener herzlosen Ausbeutung des Heimatbodens und den Forderungen des Gemüts, dessen Wurzeln keine Lebensnahrung mehr finden werden, wenn wir in gleichem Maße fortfahren, die Schönheiten des deutschen Landes achtlos zu vernichten.

Zitiert nach: Helmut Fischer, Hundert Jahre für den Naturschutz. Heimat und regionale Identität. Die Geschichte eines Programms, Bonn 2004, S. 32-35.


Aus einem 1905 verfassten offenen Brief über Abwasserprobleme wurde die durch die Industrialisierung verursachte Umweltverschmutzung offensichtlich:

Die Zustände am Main sind gerade so schauderhafte wie die Zustände in den Leipziger Armenvierteln […]. Bei Niederrad ca. 200 m unterhalb der Mainbrücke, der Kläranstalt gerade gegenüber, woselbst bekanntlich die Frankfurter Fäkaljauchen in Absatzbecken von ihrer gröbsten Sinkstoffen befreit werden […], sieht man mitten im Main eine dunkelgraugelbe Wolke aus dem Grunde des Flusses emporsteigen: die Mündungsstelle des Abfluss- und Überlaufsrohres der städtischen Kläranlage Frankfurts. […] das Fischleben ist so gut wie gänzlich erstorben; eine braunschwarze Flut wälzt sich zwischen den mit Abwässerpilzen und -algen bedeckten Ufern dahin, große Brocken z. T. aus verwestem und losgerissenem Algengrasen bestehend, mit sich führend – ein klassisches Beispiel von dem Überschreiten der Selbstreinigungskraft der Flüsse […].Der Fährmann, der mich über den Fluss setzte, berichtete, dass das Wasser im Sommer so giftig sei, dass er und sein Fährknecht nur infolge des gelegentlichen Benetzens der Hände mit dem Mainwasser beim Fährgeschäft oft wochenlang an eiterigem Ausschlag der Hände litten!

Zitiert nach: Offene Briefe zur Städtereinigung. In: Städte-Zeitung 2 (1905), S. 177f, in: Franz-Josef Brüggemeier, Michael Toyka-Seid (Hrsg.): Industrie-Natur, Lesebuch zur Geschichte der Umwelt im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M.; New York 1995, S. 124f. 

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 30. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 30. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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