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Bischof von Ketteler: Die Arbeiterfrage und das Christentum


Die Industrielle Revolution hatte im 19. Jahrhundert die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft verschlechtert. Infolgedessen entstanden verschiedene Lösungsansätze, um die soziale Frage zu lösen. Ein Lösungsansatz wurde von Bischof von Ketteler formuliert, der in seiner im Jahr 1864 erschienenen Denkschrift „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ über die Befürfnisse der Arbeiterschaft schrieb:

Die Arbeiterfrage und das Christentum

Die sogenannte Arbeiterfrage ist in ihrem Wesen Arbeiterernährungsfrage. Sie ist daher erstens so wichtig wie die Ernährung, d. h. die Beschaffung der notwendigen Lebensbedürfnisse, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnung. Sie ist zweitens so wichtig, wie die Zahl der Arbeiter selbst im Verhältnis zu allen anderen Ständen. Ihrem Gegenstande nach beschäftigt sie sich also mit den allerwesentlichsten Bedürfnissen der Menschen; ihrem Umfang nach umfaßt sie den weitaus größten Teil des ganzen Menschengeschlechts.

Die Arbeiterfrage hat daher eine ganz andere Bedeutung als alle sogenannten politischen Fragen. Wer die Kammerverhandlungen und die Tagespresse hört, sollte glauben, daß die politischen Fragen das Allerwichtigste seien, was die Menschen angeht; daß sie die wichtigsten und wesentlichsten Anliegen der Menschheit betreffen. Das ist aber eine große Täuschung. Die eigentlichen politischen Fragen haben vielfach nur für einen kleinen Teil des Volkes ihre wahre Bedeutung, nämlich für den Arbeiterstand der Feder, für den Teil, der am meisten redet und schreibt und deshalb auch die Rednerbühne und die Presse beherrscht; und darunter ist es wieder nur eine gewisse Partei, die diese Frage zu einem ausschließlichen Parteiinteresse und zu ihrem persönlichen Nutzen auszubeuten strebt. Diese Partei beherrscht beide Gebiete und macht sich auf beiden in derselben Weise und mit denselben Gedanken so geltend, als ob nichts mehr in der Welt zu leben verdiente und ehrenwert sei als ihr Denken und ihr Tun für das Heil der Menschen. Sie redet daher auch durch beide Organe immer dasselbe. Unsere Zeitungen sind geschriebene Kammerverhandlungen, und unsere Kammerverhandlungen sind rezitierte Zeitungsartikel. Alles aber, was in diesen Kammerverhandlungen und Zeitungsberichten mit endloser Weitläufigkeit verhandelt wird, berührt kaum das Leben des eigentlichen Arbeiterstandes, der da im Schweiße des Angesichts sein Brot verdienen muß. Das, was die Massen des Volkes, was diese Arbeiter und Arbeiterfamilien von Morgen bis zum Abend denken, sagen und empfinden, was sie und ihr Leben wahrhaft angeht, was ihre Lage und ihre wesentlichsten Lebensbedürfnisse verbessert und verschlechtert, wird in Wahrheit in allen politischen Tagesfragen kaum berührt. Eine Ausnahme findet nur statt, wenn die Arbeiter von den politischen Parteien als Mittel für ihre Zwecke in die politischen Bewegungen hineingezogen werden. Dann dienen sie aber nicht ihren eigenen Interessen, sondern fremden, die sie nur durch falsche Vorspiegelungen für die ihrigen halten. Sie sind dann Werkzeuge jener Parteien, und wenn der Parteizweck erreicht ist, so läßt man sie wieder ihren gewohnten Wegen nachgehen, und ihre Lage bleibt dieselbe.

So ist es seit hundert Jahren oftmals geschehen. Die Parteien gaben sich immer das Ansehen, als ob alle wahren Interessen des Volkes mit ihrer Tätigkeit zusammenhingen; immer haben sie unter diesem Vorwande zur entscheidenden Zeit das Volk aufgerufen; das Volk mußte sie mit seinem Blute der Partei zum Siege verhelfen; und immer wieder, wenn der Sieg errungen war, blieb die Lage des Volkes dieselbe; alle sogenannten großen Errungenschaften waren ein offenbarer Beweis, daß sie mit dem eigentlichen Volksleben und seinen Bedürfnissen nicht zu tun haben. Das Volk wird von den politischen Parteien, namentlich von der herrschenden Partei des Liberalismus wahrlich hintergangen. Man sagt immer, alles dieses politische Gezänke geschehe aus reinster Liebe zum Volke, während die wahren Volksinteressen dadurch oft nur beschädigt werden. In diesem Sinne ist es denn auch leicht, ein Volksfreund zu sein. Es genügt ein gewisses eitles Treiben in den Kammern und eine gewisse Schreibseligkeit in gesinnungstüchtigen Blättern, um in wohlfeilster Weise sich diesen Namen zu verdienen. Der wahre Volksfreund hat gesagt: „An ihren Werken sollt ihr sie erkennen.“ Das ist jetzt anders. An den Worten und Phrasen werden jetzt die Volksfreunde erkannt. Man sucht dem Volke durch Benutzung der Herrschaft in den Kammern und in den Zeitungen die grundfalsche Ansicht beizubringen, daß in den politischen Fragen alle wahren Volksinteressen enthalten seien, und legt sich dann durch die endloseste Ausbeutung derselben den Schein bei, als ob in dieser Schreiber- und Rednertätigkeit die höchste Volksfreundlichkeit bestehe. Viele gepriesene Namen der liberalen Partei verdanken diesem hohlen Schein ihren ganzen Ruhm auf deutscher Erde, während ihre Träger für das wahre Wohl des Volkes nichts geleistet haben.

Ganz anders verhält es sich mit der Arbeiterfrage. Sie ist wahrhaft und ohne Schein von der höchsten und weitgreifendsten Bedeutung. Sie beschäftigt sich mit den wichtigsten Anliegen des Volkes, mit Gegenständen, die auch den Arbeiter täglich beschäftigen und fast alle seine Sorgen in Anspruch nehmen. Seine und seiner Familie Ernährung, d. i. Beschaffung der Nahrung, der Kleidung, der Wohnung für sich, für Weib und für Kinder, das sind die Dinge, an die der Arbeiter notwendig vor allem denkt, auf die seine Gedanken sich heften von Morgen bis Abend, die den Grund seiner Freuden und seiner Leiden ausmachen. Die Arbeiterfrage ist, wir wiederholen es, Arbeiterernährungsfrage, sie ist die Ernährungsfrage für den weitaus größten Teil aller Menschen. Wer zu ihrer Lösung einen guten Rat geben kann, den wollen wir von Herzen als einen Wohltäter des Arbeiterstandes anerkennen.

Zitiert nach: Quellen zur Geschichte der sozialen Frage in Deutschland. Bd. 1: 1800-1870, hrsg. v. Ernst Schraepler, Göttingen/Berlin/Frankfurt am Main 1955, S. 97f.

Verfasst von Fabio Schwabe

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