Pauperismus


Als „Pauperismus“ wird die durch die Industrielle Revolution bedingte Massenarmut in den Städten im 19. Jahrhundert bezeichnet. Die technische Modernisierung veränderte die Arbeitswelt und zog immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Da sich auch Medizin und Ernährungsgrundlagen verbesserten, kam es zu einer Bevölkerungsexplosion. Es herrschte ein Überangebot an Lohnarbeitern, die der rasanten Entwicklung der Industrialisierung nicht gewachsen waren.

Ursachen

Seit 1750 hatten sich die Anbaumethoden in der Landwirtschaft stetig verbessert. Es konnten immer mehr Menschen ernährt werden. Bei einem gleichzeitigen Fortschritt in der Medizin sank auch die Sterblichkeitsrate. Mit den Preußischen Reformen setzte am Anfang des 19. Jahrhunderts unterdessen ein tiefgreifender Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein. Durch die Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit fielen die Schranken der traditionellen Ständegesellschaft allmählich weg. Die im Deutschen Bund seit 1830 beginnende Zweite Industrielle Revolution veränderte indes die Arbeitswelt. Es entstanden zahlreiche Fabriken, die neue Arbeitskräfte erforderten. Diese Veränderungen lockten viele Bauern und Handwerker in die nun rasant wachsenden Städte.1

Leben unter Massenarmut

Die Industrielle Revolution zerstörte die traditionelle soziale Absicherung, die bis dahin durch Zünfte und Grundherrschaft garantiert worden war. Mit den gelockerten politischen Reformen waren Bauern und Handwerker plötzlich Konkurrenz und Wettbewerb ausgesetzt. Die Benachteiligung wurde insbesondere in den Regionen sichtbar, wo die Industrialisierung noch nicht weit fortgeschritten war. Dort beteiligten sich überwiegend alle Familienmitglieder an der Heimarbeit. Mit dem nun frei gewordenen Wettbewerb gegenüber internationalen Produkten konnten diese nicht mithalten. Arbeitsunfälle, Krankheiten, Seuchen und fehlende Sozialhilfen wurden charakteristisch für das Leben im „Pauperismus“. In den rasant wachsenden Städten gab es indes ein Überangebot an Lohnarbeitern. Diese wurden von den Fabrikbesitzern mit Billiglöhnen ausgebeutet und lebten mit ihren Familien in engen „Mietskasernen„.2

Folgen

Der durch die Industrielle Revolution entstandene „Pauperismus“ in den Städten führte zu einer enormen sozialen Ungleichheit. Vom Fortschritt profitierten nur die bürgerlichen Unternehmer, die die ausweglose Situation der Lohnarbeiter ausnutzten. Es entwickelte sich ein Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Als berühmtester Protest gegen diese Entwicklung ging der Schlesische Weberaufstand 1844 in die Geschichte ein. Um die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft zu verbessern, veröffentlichten Karl Marx und Friedrich Engels im Jahr 1848 das „Kommunistischen Manifest„. Unterdessen entwickelten der Staat, Kirchenvertreter und Unternehmer Lösungsansätze, die eine Antwort auf die soziale Frage zu finden versuchten. Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 organisierten sich die Arbeiter zunehmend in Gewerkschaften und Parteien, um aktiv für ihre Rechte einzutreten. Als Reaktion darauf führte Reichskanzler Otto von Bismarck in den 1880er Jahren eine staatliche Sozialgesetzgebung ein. Darin liegen die Wurzeln des modernen Sozialstaates.3

Verfasst von Fabio Schwabe

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