Historisches Quellenmaterial
Auswahl > Quellen für den Geschichtsunterricht > Quellen Deutsches Kaiserreich > Heinrich v. Treitschke über die Reichsgründung 1871

Heinrich v. Treitschke über die Reichsgründung 1871


Die deutsche Reichsgründung von 1871 erweckte bei den Zeitgenossen gespaltene Meinungen. Einige kritisierten den obrigkeitsstaatlichen Charakter der „Reichsgründung von oben“ . Andere hingegen rechtfertigen ihn. Der Historiker Heinrich von Treitschke, Abgeordneter der Nationalliberalen im Reichstag und Hofhistoriograf des preußischen Staates, schrieb in einem Aufsatz im Jahr 1871:

Die politische Freiheit liegt nicht allein und nicht wesentlich in den Formen der Verfassung, da ja dieselben Staatsformen verschiedenen Volksnaturen zum Heile oder auch zum Unsegen gereichen; sondern jener Staat ist frei, dessen Gesetze der getreue Ausdruck des Volkscharakters sind, also von den Besten der Nation mit Überzeugung befolgt werden. Die Entwicklung der Freiheit führt nun dahin, dass diese leidende Staatsgesinnung zu einer tätigenden Kraft ausgebildet, jeder Bürger zur politischen Arbeit herangezogen, die Macht des Staates durch die Tat des Volkes selber gewahrt wird. Diese ethische Auffassung des Staates, die jeder Staatsform wie jedem Volkstum gerecht wird und jeden politischen Formalismus bekämpft, ruht auf einem schweren Unterbau historischen Wissens und kann darum niemals in ihrem vollen Umfange populäre werden. Aber ihre wichtigsten Ergebnisse sind auf mannigfachen Umwegen schon einem großen Teile unseres Volkes in Fleisch und Blut gedrungen; sie offenbaren sich in der Pietät, die der Deutsche, der Preuße mindestens, seinem Staate entgegenbringt, in dem lebendigen Pflichtgefühl, das harte, anderen Völkern unerträgliche Staatslasten als einen Vorzug unseres Gemeinwesens preist. Und eben dieser in schwerer wissenschaftlicher Arbeit, in der opferreichen Geschichte des preußischen Staates gereifte politische Idealismus der Deutschen bleibt den Fremden ein unfassbares Rätsel.

Überall in der Welt herrscht heute die national-ökonomische Ansicht vom Staat, die Sehnsucht nach „viel Geld und wenig Obrigkeit“ , und außerdem noch ein politischer Formalismus, den die historische Staatswissenschaft der Deutschen längst überwunden hat. Jede Nation besitzt ihre eigene politische Dogmatik, an deren festen Formeln sie den Wert und Unwert fremder Zustände misst. Der Brite kann sich die Freiheit schlechterdings nicht vorstellen ohne jene parlamentarischen Institutionen, welche die verwickelte Geschichte seiner Heimat gebildet hat. […] Bei allen romanischen Völkern gelten die „Ideen von 1789“ kurzweg als das politische Evangelium. Allein unter den Deutschen ist der unbefangene Sinn, der jedes Volkstum aus sich selber erklärt, ein Gemeinbesitz der Gebildeten. […]

Aber kein Staat der Welt fasst den Staatsgedanken so groß, so menschlich wie der deutsche Staat; keiner strebt so ernst wie er, die uralten Gegensätze des Völkerlebens, Staatsmacht und Volksfreiheit, Wohlstand und Wehrkraft, Bildung und Glauben zu versöhnen. Und weil die Fremden dies im Stillen fühlen, darum hassen sie uns.

Auszüge zitiert nach: Heinrich von Treitschke, Historische und politische Aufsätze, Bd. 3, Leipzig 1915, S. 574 ff.

Verfasst von Fabio Schwabe
Print Friendly, PDF & Email

Pin It on Pinterest