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Von Bülow: Ankündigung der zweiten Flottenvorlage


In der Regierungszeit Wilhelms II. betrieb das Deutsche Kaiserreich eine imperiale Außenpolitik und strebte einen „Platz an der Sonne“ an, zu der auch der Aufbau einer deutschen Flotte gehörte. In einer Reichstagsrede vom 11. Dezember 1899 warb Außenminister Bernhard von Bülow für ein zweites Flottengesetz, mit dem das Deutsche Reich seine außenpolitischen Ziele erreichen sollte:

Ankündigung der zweiten Flottenvorlage

Meine Herren, die Notwendigkeit der von den verbündeten Regierungen in Aussicht genommenen Ergänzung und Erweiterung des Flottengesetzes von 1898 geht hervor aus der gegenwärtigen Weltlage und aus den Bedürfnissen unserer überseeischen Politik. In Beziehung auf unsere überseeische Politik ist die Stellung der Regierung nicht gerade eine leichte. Von der einen Seite werden wir ermahnt, und bisweilen in einigermaßen stürmischer Weise ermahnt, unsere überseeischen Interessen eifriger wahrzunehmen; auf der anderen Seite heißt es, daß wir uns schon zu weit engagiert hätten und abenteuerliche Bahnen einschlagen wollten. Ich werde mich bemühen, nachzuweisen, daß wir weder in das eine noch in das andere Extrem verfallen sind, noch zu verfallen gedenken, sondern die ruhige Mittellinie einhalten, welche gleich weit entfernt ist von der Vernachlässigung wie von Überspannung unserer überseeischen Interessen. Über einen Punkt kann freilich ein Zweifel nicht obwalten, nämlich daß die Dinge in der Welt auf eine Weise in Fluß geraten sind, die noch vor zwei Jahren niemand voraussehen konnte.

Man hat gesagt, meine Herren, daß in jedem Jahrhundert eine Auseinandersetzung, eine große Liquidation stattfinde, um Einfluß, Macht und Besitz auf der Erde neu zu verteilen: im sechzehnten Jahrhundert teilten sich die Spanier und Portugiesen in die neue Welt, im siebzehnten Jahrhundert traten die Holländer, die Franzosen und die Engländer in die Konkurrenz ein, während wir uns untereinander die Köpfe einschlugen, im achtzehnten Jahrhundert verloren die Holländer und die Franzosen das Meiste, was sie gewonnen hatten, wieder an die Engländer. In unserem neunzehnten Jahrhundert hat England sein Kolonialreich, das größte Reich, das die Welt seit den Tagen der Römer gesehen hat, weiter und immer weiter ausgedehnt, haben die Franzosen in Nordafrika und Ostafrika festen Fuß gefaßt und sich in Hinterindien ein neues Reich geschaffen, hat Rußland in Asien seinen gewaltigen Siegeslauf begonnen, der es bis zum Hochplateau des Pamir und an die Küsten des Stillen Ozeans geführt hat. Vor vier Jahren hat der chinesisch-japanische Krieg, vor kaum anderthalb Jahren der spanisch-amerikanische Krieg die Dinge weiter ins Rollen gebracht, große, tiefeinschneidende, weitreichende Entscheidungen herbeigeführt, alte Reiche erschüttert, neue und ernste Fermente der Gärung in die Entwicklung getragen. Niemand kann übersehen, welche Konsequenzen der Krieg haben wird, der seit einigen Wochen Südafrika in Flammen setzt.

Der englische Premierminister hatte schon vor längerer Zeit gesagt, daß die starken Staaten immer stärker und die schwachen immer schwächer werden würden. Alles, was seitdem geschehen ist, beweist die Richtigkeit dieses Wortes. Stehen wir wieder vor einer neuen Teilung der Erde, wie sie vor gerade hundert Jahren dem Dichter vorschwebte? Ich glaube das nicht, ich möchte es namentlich noch nicht glauben. aber jedenfalls können wir nicht dulden, daß irgend eine fremde Macht, daß irgend ein fremder Jupiter zu uns sagt: Was tun? die Welt ist weggegeben. Wir wollen keiner fremden Macht zu nahe treten, wir wollen uns aber auch von keiner fremden Macht auf die Füße treten lassen, und wir wollen uns von keiner fremden Macht bei Seite schieben lassen, weder in politischer, noch in wirtschaftlicher Beziehung.

Es ist Zeit, es ist hohe Zeit, daß wir gegenüber der seit zwei Jahren wesentlich veränderten Weltlage, im Hinblick auf die inzwischen erheblich modifizierten Zukunftsaussichten uns klar werden über die Haltung, welche wir einzunehmen haben gegenüber den Vorgängen, die sich um uns herum abspielen und vorbereiten, und welche die Keime in sich tragen für die künftige Gestaltung der Machtverhältnisse für vielleicht unabsehbare Zeit. Untätig bei Seite stehen, wie wir das früher oft getan haben, entweder aus angeborener Bescheidenheit, oder weil wir ganz absorbiert waren durch unsere inneren Zwistigkeiten, oder aus Doktrinarismus – träumend bei Seite stehen, während andere Leute sich den Kuchen teilen, da können wir und wollen wir nicht. […]

Das Mittel, meine Herren, in dieser Welt den Kampf ums Dasein durchzufechten ohne starke Rüstung zu Lande und zu Wasser, ist für ein Volk von bald 60 Millionen, das die Mitte von Europa bewohnt und gleichzeitig seine wirtschaftlichen Fühlhörner ausstreckt nach allen Seiten, noch nicht gefunden worden. In dem kommenden Jahrhundert wird das deutsche Volk Hammer oder Amboß sein. Vom Standpunkt meines Ressorts, vom Standpunkt der auswärtigen Politik, im Namen der höchsten Interessen des Landes bitte ich Sie: bringen Sie der Flottennovelle Wohlwollen entgegen.

Meine Herren, ich will mich zusammenfassen: unsere Politik, unsere überseeische Politik, unsere auswärtige Politik, unsere Gesamtpolitik ist eine friedliche, eine aufrichtige, eine selbstständige. Wir gehen bei niemand zu Lehen, wir treiben lediglich deutsche Politik. Ob und wann, wie und wo wir genötigt sein können, zur Wahrung unserer Weltstellung und zur Vertretung unserer Weltinteressen aus unserer bisherigen Reserve hervorzutreten, das, meine Herren, hängt vom Gang der Ereignisse ab, vom allgemeinen Gang der Ereignisse, den keine einzelne Macht vorzeichnen kann; das hängt ab von Umständen, die niemand im voraus bis ins einzelne zu berechnen vermag. Wir geben uns aber der Hoffnung hin, und damit will ich schließen, daß, wenn wir bestrebt sind, in einer gärenden Zeit und unter schwierigen, unter oft sehr schwierigen Verhältnissen den Frieden, die Ehre, die Wohlfahrt des Reiches zu wahren, diese unsere Politik und diese unsere Bemühungen getragen sein werden von der Unterstützung dieses hohen Hauses und von der Zustimmung der Nation.

Auszüge zitiert nach: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 1898/1900, Bd. 4, Berlin 1900, S. 3292f.

Verfasst von Fabio Schwabe

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