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Zeitgenössische Berichte über die Vertreibung der Kulaken


Zu den größten Opfern der Zwangskollektivierungen der Sowjetunion in den 1930er Jahren gehörten die sogenannten „Kulaken“, denen ihre bäuerliche Lebensgrundlage entzogen wurde und den zahlreichen Hungertod starben. Über diese Ereignisse berichtete der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der selbst die Kollektivierungen durchführte, in seinem Buch „Und ich schuf mit einen Götzen“ (1979):

Zeitgenössischer Bericht von Lew Kopelew

Ich hörte, wie die Kinder schrieen, sich dabei verschluckten, kreischten. Ich sah die Blicke der Männer: eingeschüchterte, flehende, hasserfüllte, stumpf ergebene, verzweifelte oder in halbirrer böser Wut blitzende. Es war quälend und bedrückend, all dies zu sehen und zu hören, und noch bedrückender war es, selbst dabei mitzumachen. Ich sah, was durchgängige Kollektivierung bedeutete – wie sie kulakisierten und entkulakisierten, wie sie im Winter 1932/33 den Bauern erbarmungslos alles nahmen. Ich nahm selbst daran teil, durchstreifte die Dörfer auf der Suche nach verstecktem Getreide, stocherte mit einem Stock in der Erde herum, um es zu finden. Gemeinsam mit anderen leerte ich die Vorratskisten alter Leute und verstopfte mir die Ohren, um das Geschrei der Kinder nicht anhören zu müssen. Im schrecklichen Frühjahr 1933 sah ich, wie Menschen Hungers starben. Ich sah blau angelaufene Frauen und Kinder mit aufgetriebenen Bäuchen und leeren, leblosen Augen, die kaum noch atmeten. Und ich sah Leichen in zerlumpten Schaffellen und ärmlichen Bastschuhen, Leichen in Bauernhütten, im tauenden Schnee der Altstadt von Wologda und unter den Brücken von Charkow. Ich sah all das und verlor doch nicht den Verstand. Ich verfluchte auch diejenigen nicht, die mich ausgesandt hatten, um den Bauern im Winter oder im Frühjahr das Getreide wegzunehmen und die zum Skelett abgemagerten oder aufgedunsenen Menschen, die sich kaum auf den Beinen halten konnten, zu überzeugen, auf die Felder zu gehen und den Anbauplan der Bolschewiki nach Art von Stoßbrigaden zu erfüllen. Ich verlor auch meinen Glauben nicht. Wie bisher glaubte ich, weil ich glauben wollte.

Zitiert nach: Allan Bullock, Hitler und Stalin, Berlin 1991, S. 368.


Ein weiterer zeitgenössischer Bericht stammt vom US-Amerikaner John Scott, der sich zwischen 1932 und 1937 in der Sowjetunion aufhielt und ein Gespräch auf der Baustelle in Magnitogorsk, ein Zentrum der Stahlindustrie, in seinem Buch „Jenseits des Ural“ (1944) schilderte:

Zeitgenössischer Bericht von John Scott

Ich nahm meine Schutzmaske und die Elektroden und begab mich zum Hochofen Nr. 3. Auf dem Weg dorthin traf ich Schabkow, einen früheren Kulaken, einen großen, heiteren Jüngling mit rotem Gesicht und freundlicher Stimme. Ihm fehlten zwei Finger der linken Hand. „Ich weiß, dass ihr’s schwer habt“, sagte Popow, der hinzugekommen war, zu Schabkow. „Das habt ihr eben davon, dass ihr Kulaken seid.“ Schabkow lächelte breit. „Hört mal, ich will mich in keine politische Unterhaltung einlassen, aber eine Menge von denen, die in dem besonderen Stadtteil wohnen, sind nicht mehr Kulaken als ihr.“ Popow lachte. „Das wundert mich gar nicht. Aber kannst du mir sagen, wie sie eigentlich darüber entscheiden, wer nicht mehr als Kulak gilt?“ „Oh weh“, sagte Schabkow, „das ist eine verdammt gefährliche Frage an einen Kerl, der gerade versucht, seine Sünden mit ehrlicher Arbeit zu sühnen. Aber wenn es zwischen uns Dreien bleiben kann, will ich’s erzählen. Die armen Bauern eines Dorfes versammeln sich uns sagen: ,Der und der hat sechs Pferde, lange können wir ohne die nicht mehr im kollektiven Landbau auskommen. Außerdem hat er während der vorigen Ernte einen Knecht gehabt.´ Die GPU wird benachrichtigt und dann ist’s fertig. Der Betreffende bekommt fünf Jahre. Sein Eigentum wird konfisziert und der Kollektivwirtschaft übergeben. Manchmal schicken sie die ganze Familie weg. Als sie uns rausschmeißen wollten, nahm mein Bruder ein Gewehr und schoss auf die GPU-Leute. Die schossen zurück. Mein Bruder wurde getötet. Das machte die Sache natürlich nicht besser für uns. Wir kriegten alle fünf Jahre und an verschiedenen Orten. Mein Vater soll im Dezember gestorben sein. Sicher weiß ich’s nicht.“ Schabkow nahm seinen Tabaksbeutel und seine Rolle Zeitungspapier heraus und hielt beides Popow hin: „Bitte sehr, Kulakentabak gefällig?“ Er lächelte bitter.

Zitiert nach: John Scott, Jenseits des Ural – Die Kraftquellen der Sowjetunion. Stockholm 1944, S. 240. 

Verfasst von Fabio Schwabe
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