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Augenzeugenberichte über Stalins „Großen Terror“


Unter der Regierung Josef Stalins kam es in der Sowjetunion zwischen 1936 und 1938 zum „Großen Terror“ gegen mutmaßliche politische Gegner. Über die Bedingungen in den für Häftlingen eingerichteten Lagern berichteten drei russische Schriftsteller, die selbst Insassen waren, in eigenen Autobiografien:

Alexander Solschenizyn über die Versorgung der Lagerhäftlinge

Das einzig Gute an der Lagersuppe war, dass man sie gewöhnlich heiß bekam. Aber was Schuchow jetzt vor sich hatte, war fast kalt; trotzdem aß er so langsam und sorgfältig wie stets. Immer mit der Ruhe jetzt, auch wenn das Dach brennt! Abgesehen vom Schlafen, hatten die Sträflinge freie Zeit für sich selbst nur zehn Minuten beim Frühstück, fünf Minuten bei der Mittagspause und nochmals fünf Minuten beim Abendessen. Die Suppe änderte sich nicht von einem Tag zum anderen; was es gab, hing davon ab, welches Gemüse sie für den Winter eingelagert hatten. Im vergangenen Jahr bestand der ganze Vorrat nur aus eingesalzenen Möhren, und so waren von September bis Juni nur Mohrrüben in der Suppe. Und jetzt hatten sie Kohl. Am besten war die Lagerverpflegung im Juni, wenn es mit den Gemüsen zu Ende ging und es stattdessen Grütze gab. Die schlimmste Zeit war der Juli. Da kamen geschnittene Brennnesseln in den Kessel.

Zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, München/Zürich 1963, S. 32.


Dimitrij Witkowski über den Umgang mit Zwangsarbeitern

Nach Arbeitsschluss bleiben in den Baugruben die Leichen zurück. Bald sind ihre Gesichter vom Schnee zugeweht. Einer verkroch sich unter dem umgekippten Schubkarren, seine Hände stecken Wärme suchend in den Ärmeln, so liegt er da, erfroren. Ein anderer sitzt starr, den Kopf zwischen den Knien vergraben. Dort sind zwei erfroren, sie lehnen mit dem Rücken aneinander. Bauernburschen sind es, die zu arbeiten verstehen […]. Zu Abertausenden werden sie zum Kanalbau geschickt; nur darauf wird Acht gegeben, dass keiner mit seinem Vater ins selbe Lager kommt. Dann brummt man ihnen vom ersten Tag an eine Norm auf, die auch im Sommer nicht zu schaffen ist. Unsereins findet nicht mehr die Zeit, ihnen was beizubringen, sie zu warnen; sie sind von zu Hause gewohnt, mit ganzer Kraft zuzupacken – und werden rasch schwach und erfrieren […]. Nachts kommt ein Pferdeschlitten und klaubt sie auf. Es klingt wie Holz, wenn der Fuhrmann sie auf den Schlitten wirft. Im Sommer aber findet man von den nicht rechtzeitig fortgeschafften Leichen nur noch die Knochen. Die werden mit den Kieselsteinen in den Betonmischer geschaufelt. Die letzte Schleuse vor der Stadt Belomorsk ist aus einem solchen Gemisch gebaut; es bleiben die Gebeine für alle Zeiten darin eingemauert.

Zitiert nach: D. Wittkowski, in: A. Solschenizyn, Der Archipel Gulag – Arbeit und Ausrottung, Seele und Stacheldraht, Bern 1974, S. 92ff.


Boris Pasternak über die Errichtung eines Arbeiterlagers

Unsere Gruppe wurde aus den Waggons geholt. Schneewüste ringsum. In der Ferne – Wald. Bewachungsmannschaft in Bereitschaft mit gesenktem Gewehr, Wachhunde. […] Man ließ uns auf dem Feld in einem riesigen Viereck Aufstellung nehmen, den Rücken zur Mitte, damit einer den anderen nicht sehen konnte. Dann wurde befohlen, dass wir uns niederknieten. Jeder Verstoß gegen das Verbot, zur Seite zu blicken, sollte die sofortige Exekution des Betreffenden zur Folge haben. Dann begann die endlose, entwürdigende Prozedur des namentlichen Aufrufens, die sich über Stunden erstreckte. […] Die anderen Gruppen wurden abgeführt, uns gab man bekannt: „Das hier ist euer Lager. Richtet euch ein, wie ihr wollt“. Ein Schneefeld unter freiem Himmel, in der Mitte ein Pfahl mit der Aufschrift: ,Gulag 92 la 90´. In der ersten Zeit mussten wir bei Frost mit bloßen Händen Stangenholz brechen […]. Wir haben Bäume gefällt, unsere Unterstände errichtet, haben Palisadenzäune gezogen, Gefängnisse und Wachttürme gebaut – alles wir allein.

Zitiert nach: Boris Pasternak, Doktor Schiwago, Frankfurt/Main 1958, S. 590f. 

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 22. Februar 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 2. Juli 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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