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Tacitus‘ Darstellung der „Germanen“


Der römische Schriftsteller und Senator Publius Cornelius Tacitus beschrieb in seinem 98 n. Chr. erschienenen Werk „Germania“ die Geografie, Sitten und Mentalitäten der Germanen. Da seine Informationen größtenteils auf Erzählungen seiner Zeitgenossen zurückgehen, ist die Objektivität dieser Quelle kritisch zu untersuchen:

Germanien insgesamt ist von Galliern, von den Rätern und Panoniern durch [Flüsse und] von [anderen Völkern] durch wechselseitiges Misstrauen oder Gebirgszüge geschieden […]. Die Germanen selbst sind […] Ureinwohner und von Zuwanderung und gastlicher Aufnahme fremder Völker gänzlich unberührt […]. Wer hätte auch […] Asien oder Afrika oder Italien verlassen und Germanien aufsuchen wollen. [Landschaftlich ist es] ohne Reiz, rau im Klima, trostlos.
Die Bezeichnung „Germanien“ [ist] übrigens neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen. Denn die ersten, die den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten […], seien damals „Germanen“ genannt worden. So habe der Name eines Stammes, nicht eines ganzen Volkes, allmählich weite Geltung erlangt: Zuerst wurden alle [Stämme] nach dem Sieger […] als Germanen bezeichnet; bald aber nannten [die unterschiedlichen Stämme] sich selbst so […].
Ich selbst schließe mich der Ansicht an, dass sich die Bevölkerung Germaniens niemals durch Heiraten mit Fremdstämmen vermischt hat und so ein reiner […] Menschenschlag von gleicher Art geblieben ist. Daher ist auch die äußere Erscheinung bei allen […] dieselbe: wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. Für Strapazen und Mühen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind die durch Klima und Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet. […]

Dass [die Germanen] keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja dass sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer [ = in der römischen Weise] an, dass die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: Jeder umgibt sein Raum mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuergefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. [Zu] allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. […] In jedem Haus wachsen die Kinder nackt und schmutzig zu […] dieser von uns bestaunten Größe heran. […] Herr und Knecht werden unterschiedslos ohne Zärteleien aufgezogen […]. Spät beginnt beim jungen Mann der Liebesgenuss, und so ist die Zeugungskraft ungeschwächt. Den Männern gleich an Alter und Stärke treten die Mädchen in die Ehe ein […]. Der Geselligkeit und Gastfreundschaft gibt kein anderes Volk sich verschwenderischer hin. Irgendjemanden […] vom Hause zu weisen, gilt als Frevel […]. Nach dem Waschen speisen sie, […] dann gehen sie in Waffen an ihre Geschäfte und nicht minder oft zu Gelagen, als sei der Mensch […] zu keiner Zeit aufgeschlossen für erhabene Gedanken. Dieses Volk […] offenbart bei zwanglosem Anlass die Geheimnisse des Herzens; so liegt denn alle Gesinnung unverhüllt und offen dar. […] Man könnte sie leichter durch ihre Trunksucht besiegen als durch Waffen.

Nur wenige [Germanen] haben ein Schwert oder eine größere Lanze. […] Sie sind halb nackt oder tragen nur einen leichten Umhang. Prunken […] ist ihnen fremd; nur ihre Schilde bemalen sie mit auffallenden Farben. […] [Die Heerführer] werden bewundert, wenn sie stets zur Stelle sind, […] wenn sie in vorderster Linie kämpfen. […] Wenn der Heimatstamm in langer Friedensruhe erstarrt, suchen viele der jungen Adeligen auf eigene Faust Völkerschaften auf, die gerade irgendeinen Krieg führen, denn Ruhe behagt diesem Volk nicht und inmitten von Gefahren wird man leichter berühmt. Mahlzeiten und […] Schmausereien gelten als Sold. [Ein] großes Gefolge lässt sich nur durch Gewalttaten und Krieg unterhalten, […] die Mittel für diesen Aufwand bieten Krieg und Raub. Nicht so leicht könnte man einen Germanen dazu bringen, das Feld zu bestellen und die Ernte abzuwarten als den Feind herauszufordern. […] Es gilt [als] träge und schlaff, sich mit Schweiß zu erarbeiten, was man mit Blut erringen kann.
Wenn sie nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, mehr noch mit Nichtstun, [sie sind] dem Schlafen und Essen ergeben. Die Sorge für Haus und Hof bleibt den Frauen [und] den alten Schwachen […] überlassen; sie selber faulenzen. Ein seltsamer Widerspruch ihres Wesens: [Die Germanen] lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe.

Auszüge zitiert nach: Tacitus: Germania. Übersetzung, Erläuterung und Nachwort von Manfred Fuhrmann. Stuttgart 2009, S. 3ff.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 10. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 10. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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