Erinnerungen eines türkischen Gastarbeiters

Im Jahr 1966 kam der türkisch-stämmige Ali Can als Bergarbeiter nach Essen. Über die dort gesammelten Erfahrungen berichtete er in seinen Erinnerungen:

Ich habe den Dolmetscher gefragt: „Wo arbeiten wir denn?“ Er hat zu mir gesagt: „Ja, unter Tage, als Bergmann.“ Was sollte ich unter Tage? Ich war als Dreher gekommen! Tja, aber es war so, entweder du machst mit oder du gehst zurück. Als wir unseren Arbeitsplatz besichtigt haben, habe ich die Gasmaske, das Lämpchen, eine Schaufel und die dicken Arbeitsschuhe gesehen. Da habe ich schon gewusst: „Du hast einen harten Job.“ Mein Zimmer im Heim hatte 20 Quadratmeter. Vier Mann haben da geschlafen. Vier Fremde mussten da miteinander klarkommen, mit Wechselschicht, Schnarchen und allem. Ich habe damals, 1966, als Bergmann 606 Mark verdient. Aber 150 Mark musste ich fürs Heim zahlen, da blieben nur noch 450 für mich übrig. Da habe ich mir gedacht: „Hier kannst du nicht mal schnell Geld verdienen und in zwei Jahren wieder zurückkehren.“ Von den zehn Mann sind sieben Männer nach zwei Tagen wieder in die Türkei zurückgegangen. Sie kamen aus Istanbul und aus Izmir, die Stadtmenschen hatten in der Türkei besser gelebt. […]

Die Arbeit unter Tage ist unbeschreiblich, da ist eine ganz andere Welt! 1000 Meter unter der Erde gibt es Stellen, die sind eiskalt und Stellen, da sind 50, 50, 60 Grad – und dann Staub, Staub, Staub. Vor dem Arbeiten habe ich keine Angst gehabt, aber davor, dass mich der Staub krank macht. Ich habe das erste Mal in meinem Leben mit der Schippe, Meißel und Hammer gearbeitet. Die ersten zwei, drei Tage hast du Angst, jeder hat Angst. Nachher geht es besser. Er ist oft dunkel und niedrig und du musst die ganze Zeit auf den Knien herumkriechen, überall ist es schwarz und manchmal denkst du, du kriegst keine Luft mehr. Du darfst nicht daran denken, wo du bist. Damals waren in dieser Zeche nur Türken. Vorher waren da, glaube ich, die Italiener. Die Vorabeiter, die Steiger, waren Deutsche. Die Türken haben Akkord gearbeitet. Damals hat ein Arbeiter einen Kubikmeter gemacht, das heißt Kohle geklopft, und hat zehn Mark bekommen. Wenn du zwei Kubikmeter gemacht hast, hast du 20 Mark bekommen. Die Türken haben gesagt: „Okay, ich mache jetzt zehn Kubikmeter, Tatsache!“ Ich habe damals auch Doppelschichten gemacht. 16 Stunden ohne Licht, ohne alles. Ja, die Zeiten, die vergisst man nicht so schnell.

Auszüge zitiert nach: Sprachliche angepasstes Transkript des Zeitzeugeninterviews mit Ali Can, erschienen in: Suvak, Sefa/Herrmann, Justus (Hg.), In Deutschland angekommen. Einwanderer erzählen ihre Geschichte 1955 – heute, Gütersloh 2008, S. 90ff.

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 02.07.2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 30.03.2021. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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