Augenzeugenbericht eines Sklaven in den USA

Im frühen 19. Jahrhundert lebte vor allem die afroamerikanische Minderheit in den USA unter ärmlichen Bedingungen. Über die miserable Arbeitslage berichtete der Sklave Solomon Northup (1808 – 1863), dessen Schilderungen in seinem autobiografischen Buch „Twelve Years a Slave“ im Jahr 1853 veröffentlicht wurden:

Der erste Tag (Anlernzeit): Wenn ein neuer Handlanger, der sich bei der Arbeit noch nicht richtig auskennt, zum ersten Mal aufs Feld geschickt wird, wird er richtig mit der Peitsche angetrieben und den Tag lang gezwungen, so schnell wie möglich zu pflücken. Am Abend wird die Ladung gewogen, damit seine Leistung bekannt ist. Nun muss er an jedem folgenden Abend das gleiche Gewicht anbringen. Wird es weniger, so gilt es als Beweis dafür, dass er getrödelt hat, und wird mit einer größeren oder kleineren Anzahl von Peitschenhieben bestraft. […]

Arbeitszeit: Die Handlanger müssen bei Sonnenaufgang auf den Feldern sein und abgesehen von der Mittagspause von 10 bis 15 Minuten, in der sie ihre Ration kalten Specks herunterschlingen, dürfen sie keinen Moment Ruhe genießen, bis es völlig dunkel wird. Wenn Vollmond ist, arbeiten sie oft bis mitten in die Nacht hinein. Nicht einmal zu Mittag wagen sie aufzuhören oder – egal wie spät der Abend wird – ins Quartier zurückzukehren, ehe der Driver ihnen den Befehl gibt.

Das Abwiegen: Wenn die Tagesarbeit auf dem Feld erledigt ist, werden die Körbe ins Entkörnungshaus gebracht, wo die Baumwolle zunächst gewogen wird. Egal wie müde er ist, egal wie sehr er sich nach Schlaf und Ruhe sehnt – wenn der Sklave sich mit seinem Korb Baumwolle dem Entkörnungshaus nähert, begleitet ihn immer die Angst. Fällt es zu leicht aus – hat er das ihm zugemutete Pensum nicht geschafft -, dann weiß er, dass er es büßen wird. Sollte er das Soll um zehn oder zwanzig Pfund überschritten haben, wird sein Herr wahrscheinlich die Aufgabe für den nächsten Tag höher einschätzen. Daher ist, egal ob zu wenig oder zu viel Baumwolle, sein Weg zum Entkörnungshaus nie frei von Furcht und Zittern. […]

Die Ration: Die Sklaven bekommen nur Mais und Speck. Die Ration wird jeden Sonntagvormittag am Kornspeicher und an der Räucherkammer ausgeteilt. Jeder erhält eine Wochenration von 3 Pfund Speck und genug Mais für ein Pekh [9 Pfund Mehl]. Das ist alles – kein Tee, kein Kaffee, kein Zucker, und, abgesehen von einer kleinen Prise hier und da, kein Salz.

Das Essen: […] Die meisten Sklaven besitzen kein Messer, geschweige denn eine Gabel. Sie schneiden ihren Speck mit der Axt am Holzstapel. Das Maismehl wird mit etwas Wasser gemischt, ins Feuer gelegt und gebacken. […] Der Bewohner der Sklavenhütte darf sich zum Dinieren auf den Boden setzen. Jetzt ist es gewöhnlich schon Mitternacht.

Der Schlaf: Dieselbe Angst vor Strafe, die die Sklaven vor dem Entkörnungshaus erleben, packt sie wieder, wenn sie sich zur Ruhe hinlegen: Jedoch ist es jetzt die Angst, dass die verschlafen. Dieses Vergehen zöge nicht weniger als 20 Peitschenhiebe nach sich.

Zitiert nach: Wolfgang Wimmer, Die Sklaven – eine Sozialgeschichte mit Gegenwart, Reinbek 1979, S. 159ff. 

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 18.02.2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 18.02.2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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