Erinnerungen einer polnischen Bergarbeiterfrau

Über ihr schwieriges Leben als fremdes Schulkind im Ruhrgebiet berichtete eine spätere Bergarbeiterfrau polnischer Herkunft:

Mein Vater kam mit mehreren Brüdern, er und ein Bruder blieben hier. Den anderen hat es nicht gefallen, sie sind wieder nach Hause gefahren. Die Männer waren auf der Zeche beschäftigt, mein Vater, mein Schwiegervater, mein Mann und mein Sohn auch, also durch drei Generationen. Ihre Arbeit war schmutzig und gefährlich, trotzdem wurden sie schlechter bezahlt als ihre deutsche Kollegen.

Aus uns hätte mehr werden können, aber als wir aus der Schule kamen, konnten wir keine Lehrstelle bekommen. Ich war bestimmt nicht die Dümmste in der Schule, ich hatte ein gutes Zeugnis, aber ich konnte einfach keine Lehrstelle bekommen, schon wegen meines polnischen Namens. Zur höheren Schule konnte unsereins schon gar nicht – wie hätten unsere Eltern das Schulgeld aufbringen sollen? In der Volksschule waren wir mit den deutschen Kindern zusammen. Morgens um acht gab’s biblische Geschichte. Und wer kam zuerst dran? Immer die Kinder aus den polnischen Familien. Und für die war’s fast ein Ding der Unmöglichkeit, die Bibelsprüche auswendig zu können. Denn zu Hause wurde ja Polnisch gesprochen! Dann nahm die Lehrerin einen langen Stock und hat damit uns Mädchen auf die Finger gehauen, bis sie dick geschwollen waren. Wir Kinder haben die bittersten Tränen geweint. Ich hab die Prügel am eignen Körper erlebt. Als Kind von zwölf Jahren hab ich schon geholfen, Geld zu verdienen, und es hat mir Spaß gemacht. Ich war in einer Bäckerei untergekommen, hab da sonntags geholfen, und es hat mir Spaß gemacht. Naja, die Messe versäumte ich schon mal. Am Montag kam die Lehrerin und fragte: „Warum warst du nicht in der Kirche?“ – „Ja nun, weil ich krank und müde war.“ Da sagte sie: „Wie, sonntags morgens müde?“ – „Ja, Sie wissen doch, dass ich arbeite“ – „Das darf nicht sein, das ist keine Ordnung. Hast du deine Schularbeiten gemacht?“ Die Schularbeiten hatte ich. Aber dann hat sie mir Fragen gestellt. Die konnte ich nicht beantworten. Also hat sie mich verhauen.

In der Pause um zehn Uhr bin ich zur Mutter gegangen und hab gesagt: „Sieh dir mal meine Ellbogen an!“ Die Mutter ist zur Schule gekommen, hat mit der Lehrerin gesprochen, hat mit dem Rektor gesprochen. Das zog seine Kreise, allmählich sind mehr Beschwerden eingelaufen und allmählich ging die Prügel zurück. Die Mütter haben ihre Kinder in Schutz genommen. Und was sollten sie auch sonst tun? Wir bekamen ja nirgendwo Recht aus Polen, wir haben uns selbst verteidigt.

Zitiert nach: Stadt Recklinghausen (Hg.), Hochlarmarker Lesebuch. 100 Jahre Ruhrgebietsgeschichte, Oberhausen 1981, S. 25f.

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 03.07.2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 30.03.2021. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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