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Quellen zur französischen Deutschlandpolitik seit 1945


Charles de Gaulle am 5. Oktober 1945

Im Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg beendet und Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Am 5. Oktober 1945 hielt der französische Ministerpräsident Charles de Gaulle im französisch besetzten Gebiet Baden-Baden eine Rede vor dem militärischen und zivilen Besatzungspersonal. Darin äußerte er sich über die Pläne seiner zukünftigen Deutschlandpolitik:

Was tun wir hier nach unserem Sieg? Wir arbeiten darauf hin, hier Frankreich zu etablieren. Wir folgen damit einer gewissen historischen Berufung unseres Landes, die in der Vergangenheit mehrmals unterbrochen worden ist, und die wir nun ein letztes Mal und unter den bestmöglichen Umständen realisieren. Frankreich hier etablieren, das bedeutet zuerst, Frankreich die Verfügung über das Territorium zu verschaffen, das der Natur nach mit ihm verbunden ist. Die betrifft die linksrheinischen Gebiete der Pfalz, Hessen, das rheinische Preußen, und das Saarland. Diese Gebiete, die alle untereinander in Verbindung stehen, müssen auch mit Frankreich verbunden werden – die Pfalz, die nichts anderes als ein verlängertes Elsaß ist, Hessen, wo die Flußtäler zum Main und zur Donau zusammenlaufen, die Eifel, die faktisch eine Verlängerung unserer Ardennen darstellt, schließlich die Stadt Köln, die auf der kürzesten Verbindungslinie zwischen Paris und Berlin liegt.

Heißt dies Annexion? Nein, aber streiten wir nicht um Worte. Das Ziel ist eine wirtschaftliche und psychologische Vereinigung, eine französische Präsenz, eine unbegrenzte Kontrolle. Und die Gebiete rechts des Rheins, unmittelbar auf der anderen Seite dieses europäischen Wasserweges, Baden zweifellos, und vielleicht Württemberg? Diese Gebiete sind moralisch, geistig, wirtschaftlich mit der Geschichte unseres Landes verbunden, warum wollten wir nicht darauf hinwirken, daß sie sich uns auch jetzt zuwenden? Ich denke auch an das Ruhrgebiet, das soviel Kohle besitzt, die Westeuropa und vor allem Frankreich so dringend benötigen. Dieses Ruhrgebiet ist ein Pfand und ein Hilfsmittel zugleich. Ein Pfand, weil ohne das Ruhrgebiet Deutschland sich nicht wieder erheben und uns erneut bedrohen, angreifen, niederwerfen kann. Ein Hilfsmittel für den Wiederaufstieg Westeuropas, und besonders ein Hilfsmittel, das Frankreich helfen soll, eine große Industriemacht zu werden. Dieses Ziel kann Frankreich nur mit Hilfe der Produktionskraft des Ruhrgebiets erreichen. […]

Was die anderen deutschen Gebiete betrifft, so gehen sie ihrer Bestimmung entgegen, einer traurigen Bestimmung. Das geteilte und zerstörte Deutschland, regiert von verschiedenen, untereinander zerstrittenen Behörden, dieses so dem Unglück ausgelieferte Deutschland, dem sich keine Perspektive eines raschen Wiederaufstiegs öffnet – es wird sich ganz natürlicherweise auf das Land hin orientieren, das ihm die meisten Zukunftschancen bietet, die Möglichkeit, wieder einen Platz in Europa einzunehmen.

zitiert nach: Franz Knipping/Ernst Weisenfeld (Hrsg.), Eine ungewöhnliche Geschichte. Deutschland – Frankreich seit 1870, Bonn 1988, S. 142, übersetzt von Franz Knipping


Georges Bidault am 17. Januar 1946

Am 17. Januar 1946 hielt der französische Außenminister Georges Bidault eine Rede vor der Verfassungsgebenden Versammlung, in der er ausführlich das französische Sicherheitsbedürfnis gegenüber Deutschland betonte:

Die Sicherheit Europas und der Welt verlangt, daß Deutschland endgültig seines Kriegspotentials beraubt wird, das in den Hilfsmitteln und Rohstoffen des rheinisch-westfälischen Gebietes besteht, und daß das Rheinland nie wieder als Durchgangsraum, Arsenal oder Ausgangspunkt für eine Invasion dienen kann. Die Saargruben, die der Versailler Vertrag Frankreich übereignete, müssen wieder französisches Eigentum werden, dies Gebiet muß in das französische Zoll- und Währungssystem einbezogen werden, so daß die beiden Wirtschaften sich gegenseitig ergänzen.

Mit Bezug auf das Ruhrgebiet, Europas riesige Schatzkammer mit ihren Kohlenbergwerken und den damit verbundenen Fabriken, die in normalen Zeiten fünf Millionen Arbeiter beschäftigen, ist die französische Regierung der Meinung, daß es in Einklang mit den allgemeinen Interessen der Menschheit als politisches Gebilde betrachtet werden muß, das von Deutschland unabhängig ist und politisch wie wirtschaftlich einer internationalen Herrschaft unterstellt werden muß. Politisch soll das Rheinland weder zu Deutschland noch zu Frankreich gehören. Das Problem heißt nicht, wie man Deutschland vorsätzlich im Elend halten soll, sondern im Gegenteil, wie man es herausziehen soll, ohne dabei eine neue Katastrophe für die Welt und für den Frieden heraufzubeschwören.

Man wirft Frankreich vor, daß es die zentrale Verwaltung durch Deutsche verhindere. Frankreich will aber zuerst wissen, wer Deutschland verwalten wird. Frankreich kann nicht zugestehen, daß eine deutsche zentrale Macht aufkommt und unmittelbar vor seinen Toren herrscht, wenn im Osten ein zusätzlicher wesentlicher Sicherheitsstreifen geschaffen wurde, indem Deutschlands Grenze in einem sehr vorsichtigen Abstand zurückverlegt wurde. Deshalb verlangt die französische Regierung, daß die deutschen Grenzen im Westen festgelegt werden, wenn eine deutsche Zentralverwaltung geschaffen wird. Es ergäbe sich sonst die paradoxe Folge, daß die Abtrennung der deutschen Ostprovinzen den deutschen Schwerpunkt nach Westen schieben und damit den Druck auf Frankreich noch verstärken würde.

Frankreich schlägt vor, Deutschland das Arsenal des Ruhrgebiets wegzunehmen, aber dort ein wirtschaftliches Regime zu errichten, das den freiestmöglichen Austausch von Gütern sowohl mit dem Westen als auch mit dem Osten sichert unter selbstverständlichem Einschluß Westdeutschlands.

zitiert nach: W. Lautemann/M. Schlenke (Hrsg.), Geschichte in Quellen. Die Welt seit 1945, München 1980, S. 101f. 


Jean Monnet am 3. Mai 1950

Am 3. Mai 1950 schilderte der französische Unternehmer Jean Monnet im sogenanten „Monnet-Memorandum“ seinen Plan, die deutsche und französische Produktion von Kohle und Stahl einer gemeinsamen Behörde zu unterstellen:

II. Die Lage in Deutschland entwickelt sich rasch zu einer gefährlichen Krebskrankheit für den Frieden in naher Zukunft und für Frankreich sehr bald, wenn diese Entwicklung nicht so gelenkt wird, daß die Deutschen Hoffnung schöpfen und mit den freien Völkern zusammenarbeiten. Diese Lage kann nicht durch die Einigung Deutschlands geregelt werden, denn dafür braucht man eine Übereinkunft zwischen den USA und der Sowjetunion, die im Augenblick undenkbar ist. Sie kann auch nicht durch die Integration Westdeutschlands in den Westen geregelt werden,

– denn die Westdeutschen würden damit gegenüber dem Osten zugeben, daß sie die Spaltung akzeptiert haben, während die Einheit notwendigerweise ihr permanentes Ziel sein muß;

– denn die Integration stellt die Frage der Aufrüstung Deutschlands und wird, als Provokation gegenüber den Russen, den Krieg nach sich ziehen;

– aus unlösbaren politischen Fragen.

Dennoch werden die Amerikaner darauf bestehen, daß sich diese Integration innerhalb des Westens vollzieht,

– weil sie wollen, daß irgend etwas geschieht, und weil sie keine andere naheliegende Idee haben;

– weil sie an der Zuverlässigkeit und am Dynamismus Frankreichs zweifeln. Manche glauben, daß man beginnen muß, einen Ersatz für Frankreich zu finden.

Man sollte gar nicht erst versuchen, das deutsche Problem zu regeln, denn aus den gegenwärtigen Gegebenheiten kann es nicht geregelt werden. Man muß diese Gegebenheiten ändern, indem man sie umgestaltet. Man muß eine dynamische Aktion unternehmen, die die deutsche Situation umgestaltet und das Denken der Deutschen orientiert, und nicht nach einer statischen Regelung auf Grund der gegenwärtigen Gegebenheiten suchen.

III. Die Wiederaufrichtung Frankreichs wird nicht mehr weitergehen, wenn die Frage der industriellen Produktion Deutschlands und seiner Konkurrenzkapazität nicht schnell eine Regelung findet. Die Grundlage für die Überlegenheit, die die französischen Industriellen traditionsgemäß zubilligen, liegt darin, daß es Stahl zu einem Preis produziert, mit dem Frankreich nicht konkurrieren kann. Daraus schließen sie, daß die gesamte deutsche Produktion darunter leiden muß. Schon verlangt Deutschland, seine Produktion von 11 auf 14 Millionen Tonnen zu erhöhen. Wir werden diese Forderung ablehnen, aber die Amerikaner werden darauf bestehen. Dann werden wir Vorbehalte machen, und schließlich werden wir nachgeben. Zur gleichen Zeit stagniert die französische Produktion; sie geht sogar zurück. […]

Mit der vorgeschlagenen Lösung verschwindet die Frage der Herrschaft der deutschen Industrie, deren Existenz in Europa eine Furcht verursachen würde, die Grund ständiger Unruhe wäre, schließlich die Vereinigung Europas verhindert und Deutschland erneut in den Abgrund stürzt. Diese Lösung schafft im Gegensatz dazu für die Industrie sowohl in Deutschland als auch in Frankreich Bedingungen gemeinsamer Expansion in der Konkurrenz, wobei jede Form von Beherrschung fortfällt. […]

V. Im gegenwärtigen Zeitpunkt kann Europa nur aus Frankreich geboren werden. Nur Frankreich kann sprechen und handeln. Wenn aber Frankreich jetzt nicht spricht und handelt, was wird dann geschehen? Um die Vereinigten Staaten wird eine Ansammlung zustande kommen, freilich mit dem Ziel, den Kalten Krieg mit größerer Kraft zu führen. Der einleuchtende Grund dafür ist darin zu suchen, daß die Länder Europas Angst haben und Hilfe suchen. England wird sich mehr und mehr den Vereinigten Staaten annähern; Deutschland wird sich rasch entwickeln, wir können seine Aufrüstung nicht verhindern. Frankreich wird in seinen Malthusianismus von eh und je zurückfallen, und diese Entwicklung wird unweigerlich in seiner Ausschaltung enden.

VI. Seit der Befreiung haben die Franzosen, die sich durch die Prüfungen nicht haben unterkriegen lassen, Beweise von Vitalität und Glauben an die Zukunft vorgelegt: Entwicklung der Produktion, Modernisierung und Umgestaltung der Landwirtschaft, Instandsetzung der Französischen Union usw. Nun haben aber die Franzosen im Laufe dieser Jahre Deutschland und seine Konkurrenz vergessen. Sie glaubten an den Frieden. Plötzlich finden sie Deutschland und den Krieg wieder. Die Erhöhung der deutschen Produktion, die Organisierung des Kalten Krieges werden bei ihnen wie in der Vergangenheit Gefühle der Furcht hervorrufen und malthusianistischen Reflexen neue Nahrung geben. Sie werden in ihre furchtsame Psychologie zurückfallen, und zwar genau in dem Augenblick, in dem die Kühnheit ihnen erlauben würde, diese beiden Gefahren zu beseitigen und jene Fortschritte ins französische Bewußtsein zu rücken, zu denen sie im Grunde bereit sind. In dieser Konjunktur ist Frankreich vom Schicksal auserwählt. Wenn es die Initiative ergreift, welche die Furcht beseitigt, die Hoffnung in die Zukunft neu belebt, die Schaffung einer Kraft des Friedens ermöglicht, dann wird es Europa befreit haben. Und in einem derart befreiten Europa wird der Geist der auf französischem Boden geborenen Menschen, die in Freiheit und unter sich ständig bessernden Bedingungen leben, weiterhin einen wichtigen Beitrag leisten.

Zitiert nach: Gilbert Ziebura, Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945, Pfullingen 1970, S. 195-200.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 21. April 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 5. Juli 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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