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Bewertungen der Bodenreform 1945/46


In der sowjetischen Besatzungszone wurde in den Jahren 1945/46 eine umfassende Bodenreform durchgeführt. Zahlreiche Gutsbesitzer wurden enteignet, riesige Ackerflächen neu verteilt. Zur Bodenreform gibt es drei zeitgenössische Bewertungen aus verschiedenen Perspektiven – einer enteigneten Familie, der SED und Neubauern:

Aussage einer enteigneten Familie

Am 24. Juli siedelten meine Frau und ich wieder in unser Gut über, wo wir uns im Inspektorhaus mit den Resten unserer Möbel zwei Zimmer einrichteten. Die Feldarbeiten wurden unregelmäßig, wochenlang überhaupt nicht verrichtet, Pferde und totales Inventar fast restlos gestohlen. Da die Bergung der Ernte auf das höchste gefährdet war, wurde mir am 14. August vom Landrat unter den allerschwierigsten Verhältnissen wieder die Bewirtschaftung übertragen. In einer kommunistischen Versammlung im Saale des Gutshauses hielt der Beauftragte der KPD aus P. eine Rede, die mit folgenden denkwürdigen Worten begann: „Seit der Zeit des Großen Kurfürsten sind die Gutsbesitzer sämtlich Kriegsverbrecher. Daher haben wir ihnen die Güter entschädigungslos enteignet.“ Nachdem mir noch am 28.9. eine Anerkennung wegen Bergung der Ernte ausgesprochen war, erhielt ich am 29.9. den Befehl, mein Gut bis zum Abend zu verlassen. Wir gingen zunächst nach dem nahen G. zu befreundeten Bauern, wurden aber bereits nach wenigen Tagen gezwungen, innerhalb 2 Stunden den Ort zu verlassen. Wir fuhren dann nach Schwerin, wo wir in dem der Familie meiner Frau gehörenden Hause Unterkunft fanden. Am Dienstag, den 13. November, erhielten wir aus zuverlässiger Quelle Nachricht von unserer vor Ende der Woche geplanten Verhaftung und Deportation. Am 14. November verließen wir heimlich Schwerin und trafen nach unendlichen Schwierigkeiten und Anstrengungen am 29. November in der Westzone ein. Unsere ganze Habe bestand aus je einem Rucksack. […]

Auszüge zitiert nach: Ilse Spittmann, Gisela Helwig (Hg.), DDR-Lesebuch 1, Köln 1989, S. 156.

Urteil der SED

Am 23. September findet auf der Wiese des Gutsparkes von Plänitz im Kreis Ruppin der feierliche Auftakt für die Verteilung des Junkerlandes statt, das in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands mit den Verordnungen über die demokratische Bodenreform enteignet wurde. An 60 Bewerber – 22 landarme Bauern und Landarbeiter, acht Handwerker, drei neue Siedler und 13 Umsiedler aus Plänitz sowie 14 landarme Bauern und Landarbeiter aus Neustadt an der Dosse – werden die Besitzurkunden überreicht. Die erste Urkunde, und zwar über acht Hektar Ackerland und einen Hektar Wiese, kann der Siedler Ernst Paris, Vater von elf Kindern, in Empfang nehmen. Dem historischen Akt war eine angestrengte Tätigkeit der Gemeindekommission für Bodenreform vorangegangen. Das von ihr aufgeteilte Gut Kränzlin II war ein typisches Beispiel der politischen Notwendigkeit der Liquidierung des Großgrundbesitzes. Über 300 Hektar, das ist mehr als die Hälfte des zur Gemeinde Plänitz gehörenden Landes, hatten die Junker von Rathenow zusammengeraubt. Seit Jahrhunderten mußte der größte Teil der Einwohner des Ortes als Landarbeiter, Knechte und Gutshandwerker Frondienste für die „gnädigen“ Herren leisten. Letzter Besitzer […] war ein Sturmführer bei Hitlers Reiter-SA.

Auszüge zitiert nach: Gabriel P.: „Die Kraft der Einheitsfront“, in: Neues Deutschland vom 24. September 1970.

Aussage eines Neubauern

In der Bahnhofskneipe […] trat die Kommission zusammen, die das Gut aufteilen sollte. Sie bestand zum Teil aus Leuten aus dem Ort, die politisch ihr Mäntelchen in den Wind hängten und sich unter dem neuen Regime Chancen für die eigene Zukunft ausrechneten. Die haben dann den Bewerbern, also auch mir, die einzelnen Parzellen zugeteilt. Mehr als neun Hektar durften pro Neubauer nicht verteilt werden. Und die besten Stücke haben wir natürlich auch nicht bekommen. Ich erhielt siebeneinhalb Hektar Weide und Ackerland, verteilt auf fünf weit auseinanderliegende Stellen. […] Vor der Bodenreform glich auf dem Gut der hohe Ertrag der guten Böden die niedrigeren Ernten auf den schlechteren Äckern aus. Doch jetzt stand der Neubauer mit seinem bißchen Land da und mußte sehen, wie er zurechtkam. Eine unserer Flächen war das übelste Stück des Gutes. Wir hatten Mühe, mit karger Anspannung den Acker saatfertig zu bekommen. […] „Wir konnten nicht frei entscheiden, was wir anbauen wollten, wofür unsere Böden am geeignetsten waren. Wir mußten Getreide, Raps, Mohn, Zuckerrüben und sogar Tabak anbauen. Zur Feldarbeit hatten wir ein zweijähriges Fohlen aus dem Viehbestand des alten Guts zugeteilt bekommen, sonst nichts. Unsere Leistung wurde genau kontrolliert.“

Auszüge zitiert nach: Dieter Zimmer: Auferstanden aus Ruinen. Von der SBZ zur DDR, Stuttgart 1989, S. 57.

Verfasst von Fabio Schwabe

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