Unterricht: Der Versailler Vertrag – ein gerechter Frieden?

Der Versailler Vertrag beendete völkerrechtlich den Ersten Weltkrieg. Er wurde im Juni 1919 von Deutschland unterzeichnet. Zeitgenossen bewerteten diesen Friedensvertrag als “Schanddiktat” , weil eine deutsche Delegation von den Verhandlungen ausgeschlossen war und harten Bedingungen zustimmen musste. Daher kann das Thema hinsichtlich der Frage, inwiefern der Versailler Vertrag ein “gerechter Frieden” war, diskutiert werden.

 Sachanalyse

Das problemorientierte Thema „Versailler Vertrag – ein gerechter Frieden?“ ist Teil der übergeordneten Unterrichtsreihe „Warum scheiterte die Weimarer Republik?“ . Als Lernziel sollen die Schülerinnen und Schüler die multikausalen Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik herausarbeiten und diese anschließend durch eine eigenständige Stellungnahme gewichten. Auf diese Weise wird bei den Lernenden schwerpunktmäßig die Urteilskompetenz gefördert, weil sie die wichtigsten Aspekte der Weimarer Republik miteinander verknüpfen und ihre Zusammenhänge deuten müssen. Als Reiheneinstieg diente die Analyse eines Historikerurteils, anhand dessen die Lernenden die benannten Gründe für das Scheitern von Weimar herausarbeiten und in einer Mindmap visualisieren sollten. Diese Mindmap wird seitdem als Strukturierungshilfe genutzt und auf Grundlage der weiteren Unterrichtsstunden fortlaufend ergänzt. In der ersten Stunde erfolgte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Novemberrevolution – eine gebremste Revolution?“. Es folgte eine Stunde über die Ziele und Positionen der Siegermächte über die Bestimmungen des Versailler Vertrags. Das vorliegende Stundenthema schließt sich an den bisherigen Reihenkontext an, indem die SuS den Versailler Vertrag auf Grundlage zweier kontroverser Historikerurteile von Eberhard Kolb und Edgar Wolfrum bewerten und hinsichtlich der Problemfrage, inwiefern der Vertrag ein “gerechter Frieden” war, diskutieren.

Kernanliegen der Stunde

Indem die SuS arbeitsteilig zwei kontroverse Historikerurteile über den Versailler Vertrag analysieren (Methodenkompetenz), erkennen sie die Kontroversität in der Geschichtswissenschaft (Sachkompetenz) und können hinsichtlich der Kategorie “Gerechtigkeit” beurteilen, inwiefern es sich beim Versailler Vertrag um einen gerechten Frieden gehandelt hat (Urteilskompetenz).

Sachanalyse

Die Bewertung des Versailler Vertrags ist eine bis heute andauernde Kontroverse in der Geschichtswissenschaft. Einerseits sorgten die am 18. Januar 1919 in Paris begonnenen Friedensverhandlungen für die formale Beendigung des Ersten Weltkriegs und sicherten Europa eine kurze Epoche des Friedens. Andererseits schuf der als „Schanddiktat“ bezeichnete Vertrag einen Nährboden für rechtsnationale bzw. völkische Gruppierungen, die die junge Weimarer Demokratie von Beginn an in ihrer Existenz bedrohten und eine Revision des Vertrags anstrebten. Da infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland im Jahr 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, weisen einige Historiker dem Versailler Vertrag eine Mitschuld zu. Aufgrund der weitreichenden Folgen und Zusammenhänge – als verbindendes Glied zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg – eignet sich das Thema daher für eine kontroverse Diskussion im Geschichtsunterricht. Die vorliegenden Darstellungen der Historiker Eduard Wolfrum (2011) und Eberhard Kolb (2002) können als exemplarische Fallbeispiele für die Kontroversität in der Geschichtswissenschaft betrachtet werden. Beide vertreten bezüglich der Bewertung des Versailler Vertrags unterschiedliche Ansichten. Edgar Wolfrum bemängelt, dass die deutsche Delegation von den Verhandlungen in Versailles – im Gegensatz zu vorherigen Friedenskonferenzen 1648 und 1814/15 – ausgeschlossen und der Vertrag in vielen Bevölkerungskreisen als „französisches Diktat“ empfunden wurde. Eberhard Kolb hingegen urteilt, dass der Versailler Vertrag einen „Kompromisscharakter“ beinhaltet habe, da Deutschland den Status einer Großmacht bewahren durfte und der vollständigen Zerstörung – wie der eines „karthagischen Friedens“ – entkommen sei. Die unterschiedlichen Historikerurteile verdeutlichen, dass wissenschaftliche Darstellungen voneinander abweichen können und sich durch Kontroversität – als Merkmal einer pluralistischen Streitkultur – auszeichnen. Durch eine Bewertung des Versailler Vertrags kann die Lerngruppe außerdem für einen Gegenwartsbezug sensibilisiert und zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein erzogen werden, wenn sie Handlungsoptionen für aktuelle und zukünftige Friedensverträge herleiten soll.

Methodisch-didaktisches Vorgehen

Einstieg

Im Einstieg wird den SuS über den Beamer ein Zitat des US-amerikanischen Staatssekretärs des Auswärtigen, Robert Lansing, präsentiert. Jener kritisierte im Mai 1919 die Bestimmungen des Versailler Vertrags und bezeichnete sie als „unsagbar hart“ und „demütigend“. Die Lernenden sollen sich das Zitat durchlesen und für einen kurzen Moment auf sich wirken lassen. Anschließend nehmen sie Stellung zu der Aussage Robert Lansings und kommen zu der Schlussfolgerung, dass es sich beim Versailler Vertrag um einen ungerechten Friedensvertrag gehandelt haben könnte. Auf dieser Grundlage sammelt die Lehrkraft – nach einem kleinen Impuls – Kriterien für einen gerechten Frieden am Smartboard. Die Kategorie „Gerechtigkeit“ wird für den weiteren Unterrichtsverlauf den zu vergleichenden und beurteilenden Maßstab darstellen.

Erarbeitung

Für die Erarbeitungsphase wird der Kurs in zwei Gruppen aufgeteilt, die arbeitsteilig in Partnerarbeit zwei Historikerurteile von Edgar Wolfrum (2011) und Eberhard Kolb (2002) über die Bewertung des Versailler Vertrags analysieren und deren jeweiligen Positionen herausarbeiten sollen [Texte sind über das Kontakt-Formular zu erhalten]. Die Analyse, für die die SuS eine bereits gewohnte Argumentationsstrukturskizze als Hilfe erhalten, erfolgt zunächst in Einzelarbeit. Danach gehen die Lernenden mit ihrem Sitznachbarn in den Austausch über und ergänzen – im Rahmen der positiven Interdependenz – ihre Arbeitsblätter. Auf diesen befindet sich neben dem ersten Arbeitsauftrag eine vertiefende Zusatzaufgabe, um den unterschiedlichen Leistungsniveaus – in Form einer Binnendifferenzierung – gerecht zu werden. Außerdem wurden einige Fachbegriffe – wie „karthagischer Frieden“ oder „“Wilson-Friede“ – in den Texten mit Fußnoten versehen, da davon auszugehen ist, dass diese nur wenigen SuS bekannt sind.

Sicherung/Diskussion/Transfer

In der Sicherungsphase wird ein Schülerpaar von der Lehrkraft ausgewählt, um ihre Ergebnisse über eine Dokumentenkamera und den Beamer transparent vorzustellen. Die zuhörenden SuS können währenddessen ihre Arbeitsblätter ergänzen und weitere Informationen hinzufügen. In einer anschließenden Diskussion sollen die SuS die Historikerurteile miteinander vergleichen und sich selbst hinsichtlich der Problemfrage, inwiefern der Versailler Vertrag ein „gerechter Frieden“ war, positionieren. Dafür wird die im Einstieg thematisierte Kategorie „Gerechtigkeit“ wieder aufgenommen, um einen vergleichenden Maßstab für die Problemfrage zu gewährleisten. Abschließend werden die gesicherten Ergebnisse in den oben dargestellten Reihenkontext eingeordnet (Transfer), indem die SuS Vermutungen darüber aufstellen sollen, welche Aspekte der bereits erstellten Mindmap von den als „ungerecht“ empfundenen Friedensbestimmungen des Versailler Vertrags beeinflusst wurden und somit einen Beitrag zum Scheitern der Weimarer Republik geleistet haben könnten.

(Hinweis: Es handelt sich um einen beispielhaften Unterrichtsentwurf. Es fehlen Angaben zur Lerngruppenanalyse, zum Kernlehrplan und didaktischen Schwerpunkt, weil diese sich je nach Bundesland, Schule und Fachleitung individuell unterscheiden.)

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 12.10.2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 26.08.2021. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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