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Sachurteil und Werturteil


Die Formulierung eines Sachurteils und Werturteils ist die „Königsdisziplin“ für einen kompetenzorientierten Geschichtsunterricht. Die Urteilsbildung gehört zur dritten Aufgabe in Klausuren und soll Schülerinnen und Schülern ein „reflektiertes Geschichtsbewusstsein“ verinnerlichen.

Theoretischer Zugang

Die Urteilsbildung gehört zur dritten Aufgabe einer Geschichtsklausur und soll die Lernenden in der Erkenntnis schulen, dass Geschichte von Zeitgenossen konstruiert wird und immer standort- und perspektivgebunden ist. Sie schließt an eine Quellenanalyse und Einordnung in den historischen Kontext an. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen nun die Rolle eines „Historikers“ und müssen die vorliegende Quelle kritisch beurteilen. Auf diese Weise durchleuchten sie die Quelle auf einer anderen Ebene und stellen den Inhalt, den historischen Hintergrund und die mögliche Intention des Autors in einen Zusammenhang. Die Formulierung eines begründeten und differenzierten Urteils ist abhängig von der jeweiligen Fragestellung.

Sachurteil und Werturteil

Die Urteilsbildung beginnt mit einem historischen Sachurteil. Hierbei werden Quelle und historischer Kontext miteinander verknüpft und in einen begründeten Sinnzusammenhang gestellt. Die Lernenden übernehmen die Perspektive aus dem untersuchten historischen Zeitraum und erläutern, welche Ereignisse für den Hintergrund eine Rolle spielten und welche Auswirkungen die Quelle für die Folgezeit gehabt haben könnte. Ein Werturteil hingegen baut auf dem Sachurteil auf und erfordert eine eigene Stellungnahme. Die Quelle bzw. die Frage wird aus der heutigen Sicht – auf Grundlage des Grundgesetzes – nach einem bestimmten Kriterium (wie z. B. Moral, Ethik, Gerechtigkeit etc.) bewertet und mögliche Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft abgeleitet.

Praxisbeispiel für den Unterricht

Um die historische Urteilskompetenz fördern zu können, muss die Leitfrage zwingend exemplarisch und problemorientiert formuliert sein. Ebenso sind die didaktischen Prinzipien der Multiperspektivität und Kontroversität zu berücksichtigen, weil sie verschiedene Sichtweisen aufzeigen und zum kritischen Nachdenken anregen. Als Praxisbeispiel eignet sich eine Unterrichtseinheit unter der Problemfrage: „Die Schreckensherrschaft der Jakobiner – ist Gewalt im Namen der Menschenrechte legitim?“. Bei diesem Thema können die Lernenden in einem Sachurteil zunächst die Perspektive eines Jakobiners aus der damaligen Zeit einnehmen und pro- bzw. contra-Argumente benennen. Anschließend betrachten sie die Gewaltherrschaft aus der heutigen Perspektive nach aktuellen Wertmaßstäben und nehmen Stellung zur Frage, inwiefern es aus heutiger Sicht gerechtfertigt sei, Menschen unter einem bestimmten Vorwand umzubringen.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 22. August 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 22. August 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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