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Unterricht: Dolchstoßlegende – Die Demokratie als Sündenbock?


Die „Dolchstoßlegende“ wurde seit der Niederlage im Ersten Weltkrieg von ehemaligen OHL-Generälen ins Leben gerufen und vor allem von völkischen bzw. rechtsradikalen Gruppen für Propaganda gegen die Weimarer Republik verwendet. Daher kann dieser Gegenstand für eine problemorientierte Geschichtsstunde aufbereitet werden.

Einordnung in die Unterrichtsreihe

Das problemorientierte Thema „Dolchstoßlegende – Die Demokratie als Sündenbock?“ ist Teil der übergeordneten Unterrichtsreihe „Warum scheiterte die Weimarer Republik?“ . Als Lernziel sollen die Schülerinnen und Schüler die multikausalen Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik herausarbeiten und diese anschließend durch eine eigenständige Stellungnahme gewichten. Auf diese Weise wird bei den Lernenden schwerpunktmäßig die Urteilskompetenz gefördert, weil sie die wichtigsten Aspekte der Weimarer Republik miteinander verknüpfen und ihre Zusammenhänge deuten müssen. Als Reiheneinstieg diente die Analyse eines Historikerurteils, anhand dessen die Lernenden die benannten Gründe für das Scheitern von Weimar herausarbeiten und in einer Mindmap visualisieren sollten. Diese Mindmap wird seitdem als Strukturierungshilfe genutzt und auf Grundlage der weiteren Unterrichtsstunden fortlaufend ergänzt. In der ersten Stunde erfolgte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Novemberrevolution – eine gebremste Revolution?“. Es folgte eine Stunde über die Ziele und Positionen der Siegermächte und die Bestimmungen des Versailler Vertrags. Anschließend untersuchten die SuS auf Grundlage zweier kontroverser Historikerurteile den Versailler Vertrag und bewerten ihn hinsichtlich der Problemfrage, inwiefern der Vertrag ein „gerechter Frieden“ gewesen ist. Das vorliegende Stundenthema fügt sich in den bisherigen Reihenkontext ein und erweitert diesen um den Aspekt der „Dolchstoßlegende“ .

Kernanliegen der Stunde

Indem die SuS eine Rede Paul von Hindenburgs vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus dem Jahr 1919 analysieren und ihre Kernaussage in eigenen Worten wiedergeben (Methodenkompetenz), können sie die Dolchstoßlegende charakterisieren (Sachkompetenz) und untersuchen, inwiefern der Demokratie die Funktion eines „Sündenbocks“ zugeschoben wurde (Urteilskompetenz).

Sachanalyse

Der Begriff „Dolchstoß von hinten“ tauchte erstmals am 17. Dezember 1918 in der „Neuen Zürichen Zeitung“ auf. Er ging angeblich auf eine Aussage des britischen Generals Frederick Maurice zurück, die jener allerdings dementierte. Vielmehr verwendeten ehemalige Mitglieder der Obersten Heeresleitung (OHL) diesen Begriff. So erwähnte Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in einer Rede vor dem „parlamentarischen Untersuchungsausschuss für Schuldfragen“ am 18. November 1919 einen englischen General, der behauptete, die deutsche Armee sei „von hinten erdolcht worden“ . Die Glaubwürdigkeit dieser Quelle ist umstritten. In seiner Rede machte Hindenburg die Novemberrevolution und die neue sozialdemokratische Regierung für die Kriegsniederlage verantwortlich. Hindenburg entzog sich der Verantwortung, indem er unerwähnt ließ, dass die OHL seit 1916 diktatorisch regierte, die deutsche Bevölkerung durch manipulative Kriegsberichte getäuscht und den demokratischen Parteien im September 1918 selbst die Regierungsgeschäfte überlassen wurden. Hinzu kommt, dass aufgrund einiger Desertationen und Kriegsmüdigkeit die Niederlage kaum abzuwenden war. Trotz dieser verzerrenden Darstellung wurde die „Dolchstoßlegende“ vor allem bei deutschnationalen, völkischen und rechtsextremen Gruppen für propagandistische Zwecke genutzt. Dies lag daran, dass Hindenburg als „Held von Tannenberg“ ein hohes Ansehen im Militär und vielen Bevölkerungskreisen genoss und sich die deutsche Armee zum Zeitpunkt des Waffenstillstandes außerhalb der eigenen Staatsgrenzen befand. Die „Dolchstoßlegende“ entwickelte sich zum Belastungsfaktor für die Weimarer Demokratie, indem ihre rechtsradikalen Vertreter die neue Regierung als „Novemberverbrecher“ diffamierten und in den „Krisenjahren“ 1919 bis 1923 einige politische Morde verantworteten.

Methodisch-didaktisches Vorgehen

Einstieg

Im Einstieg wird den SuS per Beamer/OHP eine Karikatur zur Dolchstoßlegende präsentiert. Die SuS erhalten den Auftrag, sich diese anzuschauen und zu beschreiben. Anschließend deuten sie die einzelnen Bildelemente und stellen Vermutungen darüber auf, welche Gesamtaussage der Zeichner mit dieser Karikatur zum Ausdruck bringen möchte. Die SuS kommen zu der Stellungnahme, dass in dieser Quelle die Sozialdemokraten (und auch Juden) die eigenen Soldaten „von hinten erdolcht“ haben und sie daher für die Kriegsniederlage verantwortlich seien. Die Lehrkraft notiert anschließend die Problemfrage, inwiefern die neue Regierung bzw. die Demokratie den „Sündenbock“ für die politischen Missstände der Nachkriegszeit verkörpert hat.

Erarbeitung

Die Lehrkraft leitet daraufhin über in die Erarbeitungsphase, indem sie die SuS fragt, aus welchen Kreisen die „Dolchstoßlegende“ verbreitet wurde. An dieser Stelle kann die OHL erwähnt werden, weil sich diese der Verantwortung für die Kriegsniederlage entzog und den demokratischen Parteien im Herbst 1918 die Regierungsgeschäfte überließ. Vor diesem Hintergrund verteilt die Lehrkraft den SuS ein Arbeitsblatt mit einem Quellentext der Rede Hindenburgs vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Schuldfragen“ vom 18. November 1919. Die SuS erhalten den Arbeitsauftrag, diese Quelle in Einzelarbeit zu analysieren und ihre Kernaussage in eigenen Worten wiederzugeben. Schnellere SuS können als binnendifferenzierende Zusatzaufgabe Vermutungen darüber aufstellen, inwiefern die Rede zum Belastungsfaktor für die Weimarer Republik werden könnte.

Sicherung/Diskussion/Transfer

In der Sicherung werden die erarbeiteten Schülerergebnisse der Lerngruppe per Dokumentenkamera/OHP transparent dargestellt. Die Lehrkraft stellt nun einen Rückbezug zur Problemfrage her, inwiefern aus der Quelle ersichtlich wird, dass die Demokratie als „Sündenbock“ für die politischen Missstände verantwortlich gemacht wird. Die SuS beurteilen daraufhin in der Diskussion Hindenburgs Argumente und vergleichen diese mit den realen Verhältnissen in den Jahren 1918/19. In einem Transfer ordnet die Lehrkraft die gesammelten Ergebnisse in den Reihenkontext zum „Scheitern der Weimarer Republik“ ein und fragt die SuS, an welchen Stellen die „Dolchstoßlegende“ die Demokratie kurz- und langfristig belasten könnte.

(Hinweis: Es handelt sich um einen beispielhaften Unterrichtsentwurf. Es fehlen Angaben zur Lerngruppenanalyse, zum Kernlehrplan und didaktischen Schwerpunkt, weil diese sich je nach Bundesland, Schule und Fachleitung individuell unterscheiden.)

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 13. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 13. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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