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Historikerurteile zum Versailler Vertrag


Der Historiker Edgar Wolfrum (2011) beurteilte den Versailler Vertrag folgendermaßen:

Eine neue Schwelle überschritt die Menschheit nach dem ersten Weltkrieg. Traditionelle Muster früherer Friedensschlüsse wurden radikal gebrochen. Es gab kein „Vergeben und Vergessen“ mehr wie in den Friedensschlüssen vor 1919. Stattdessen formulierten die Sieger einen Artikel, in dem die Kriegsschuld des Deutschen Reiches festgeschrieben war. […]  Seit dem 17. Jahrhundert bildete die Vorstellung, dass „Vergeben und Vergessen“ notwendig sei, die Grundlage aller Friedensschlüsse. Selbst der schlimmste Feind wurde nicht kriminalisiert. Freundschaft wurde wieder beteuert. Das war nach einem totalen Krieg – und der Erste Weltkrieg war tendenziell ein solcher – nicht mehr möglich. […]

1919 erwies sich als extrem schwierig, zu einigermaßen guten Lösungen zu finden: Man musste einen Weltkrieg beenden, der die Gesellschaften bis an den Rand ihrer Leidensfähigkeit gebracht hatte. Wie niemals zuvor hatte es völlig überspannte Kriegsziele gegeben, und die Menschen waren durch die Propaganda aufgepeitscht worden. […]

Und es gab noch ein Ereignis, das einen tiefen historischen Einschnitt bedeutete: Die Kriegsverlierer waren auf den Konferenzen nicht dabei. Bei allen früheren Friedensschlüssen hätten die Sieger auch die Besiegten beteiligt. Nun blieben sie unter sich und unterbreiteten den Verlierern ihre Vorschläge, am Ende sogar in Form eines Ultimatums. Das liberale und relativ versöhnliche Modell der Friedenssicherung, so wie es der amerikanische Präsident Woodrow Wilson im Januar 1918 in den berühmten „Vierzehn Punkten“ formuliert hatte, war völlig chancenlos. […]

Überall war der Versailler Friedensschluss verhasst. In Frankreich hielten ihn viele für zu milde, immerhin blieb Deutschland als Großmacht erhalten. In Deutschland wurde er als hartes französisches „Diktat“ gebrandmarkt und entwickelte sich zu einer Waffe in den Händen jener, die die Weimarer Republik bis auf den Tod bekämpften. So ging der Krieg in den Köpfen der Menschen weiter […]. Es war ein verlorener Friede.

Auszüge zitiert nach: Edgar Wolfrum, Frieden in der Neuzeit, in: Praxis Geschichte, März 2/2011, S. 5f.


Der Historiker Eberhard Kolb publizierte im Jahr 2002 seine Beurteilung des Versailler Vertrags:

Bei der Beurteilung des Versailler Vertrags im historischen Rückblick müssen heute vor allem zwei Gesichtspunkte hervorgehoben werden […].

Erstens: Gewiss ist zuzugeben, dass das Vertragswerk eine extreme Belastung für die junge Demokratie darstellte, und es kann bezweifelt werden, ob die Sieger sehr klug handelten, wenn sie die Folgen der Niederlage gerade jenen deutschen Politikern und Parteien aufbürdeten, die sich zu Wilsons Ideen einer Völkerverständigung bekannten. Aber so harte Bedingungen Deutschland auch auferlegt wurden – einzelne Bestimmungen des Friedensvertrags waren doch weniger rigoros ausgefallen, als es während der Verhandlungen im Bereich der Möglichkeiten gelegen hatte.

Der Vertrag besaß tatsächlich einen Kompromisscharakter, er war zwar nicht jener milde „Wilson-Friede“, den man in Deutschland erträumt hatte: „Der Betrug Wilsons war in Wirklichkeit der Selbstbetrug der Deutschen über den tatsächlichen Ausgang des Krieges“ (Manfred Berg); aber er war auch nicht ein „karthagischer Friede“, wie ihn einflussreiche Politiker und große Teile der öffentlichen Meinung in den Siegerstaaten forderten.

Zweitens: Trotz des Versailler Vertrags behielt das Deutsche Reich den Status einer europäischen Großmacht und besaß auf längere Sicht die Möglichkeit, wieder einen aktiven Part in der europäischen Politik zu spielen, sogar mit größerer außenpolitischer Bewegungsfreiheit als vor 1914: Russland war aus Mitteleuropa abgedrängt und für lange Zeit mit seinen innenpolitischen Problemen beschäftigt, Südosteuropa aber konnte, bei behutsam-stetiger Politik, mit der Zeit zur wirtschaftlichen und politischen Einflusssphäre des Deutschen Reiches werden. Insofern ist Gerhard Ritter voll zuzustimmen, wenn er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konstatierte: „Für eine kluge, besonnene und geduldige deutsche Politik, die für unseren Staat nichts anderes erstrebte, als ihn zur friedenssichernden Mitte Europas zu machen, eröffneten sich – auf lange Sicht – die besten Chancen. Dass wir sie verfehlt haben und in maßloser Ungeduld, in blindem Hass gegen das sogenannte Versailler System uns einem gewalttätigen Abenteuer in die Arme stürzten, ist […] der verhängnisvollste Fehltritt unserer neueren Geschichte.“

Auszüge zitiert nach: Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, Oldenbourg, München 2002, S. 36f.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 12. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 12. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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