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Rede Robespierres über die Menschen- und Bürgerrechte


Der Jakobiner Maximilien de Robespierre hielt am 24. April 1793 im Nationalkonvent eine Rede, in der dieser die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 kritisierte. Daher sprach sich Robespierre für einige Ergänzungen in der Menschenrechtserklärung aus: 

Ich habe in der letzten Sitzung das Wort verlangt, um einige wichtige Zusätze zu der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte hinzuzufügen. Ich wollte eure Erklärungen der „Theorie des Eigentums“ durch einige Artikel vermehren. Daß das Wort „Eigentum“ niemanden erschrecke! Seelen aus Schmutz, die ihr nur das Gold achtet, ich will eure Schätze nicht antasten, auch wenn ihr Ursprung noch so unrein ist […].

Stellen wir im guten Glauben die Prinzipien des Rechts auf Eigentum auf! Und wir müssen das um so mehr tun, weil der Begriff des Eigentums durch die Vorurteile und Laster der Menschen von sehr dichtem Nebel umgeben ist. Fragt doch einen dieser Händler mit Menschenfleisch, was das Eigentum ist; er wird euch diesen langen Sarg zeigen, den man ein Schiff nennt, in dem Menschen eingepfercht und angekettet sind, die dennoch lebendig erscheinen, und er wird euch sagen: „Da seht, mein Eigentum, ich habe es Kopf für Kopf gekauft.“ Verhört diesen Edelmann, der Güter und Untertanen hat, und der da glaubt, daß die Welt untergehe, seitdem er sie nicht mehr besitzt, und er wird euch ungefähr dieselben Ideen über das Eigentum entwickeln.

Verhört die Mitglieder der Dynastie Capet und sie werden euch sagen, daß das heiligste Eigentum das Erbschaftsrecht ist, werden euch sagen, daß sie ein altes Recht haben, 25 Millionen Menschen, die das Territorium Frankreichs bewohnen, zu unterdrücken, zu vernichten und sie legal und monarchistisch nach Gutdünken zu behandeln. In den Augen all dieser Leute hat das Eigentum gar kein moralisches Prinzip. Warum hat eure Erklärung der Menschenrechte denselben Fehler? Indem ihr die Freiheit definiert habt […] habt ihr gefragt, und das mit Recht, daß sie eine Grenze hat im Recht des Nächsten. Warum habt ihr nicht dasselbe Prinzip auf das Eigentum angewandt, das doch auch eine soziale Institution ist? […] Ihr habt die Artikel vermehrt, um dem Recht auf Eigentum eine möglichst große Freiheit zu geben und ihr habt kein Wort hinzugefügt, um dieses Recht auch zu begrenzen, so daß eure Erklärungen der Menschenrechte den Eindruck erwecken können, sie seien nicht für die Armen, sondern für die Reichen, für die Spekulanten, für die Börsenwucherer gegeben worden. Um diese Mängel zu verbessern, schlage ich euch vor, folgende Ergänzungen anzunehmen:

Artikel 1. Das Eigentum ist das Recht, welches jeder Bürger hat über den Teil der Güter, der ihm durch das Gesetz garantiert wird, frei zu verfügen.

Artikel 2. Das Eigentumsrecht ist wie alle anderen Rechte begrenzt durch die Verpflichtung, die Rechte der anderen zu achten.

Artikel 3. Das Eigentum darf weder unserer Sicherheit noch unserer Freiheit, noch unserer Existenz, noch dem Eigentum unserer Nächsten Eintrag tun.

Artikel 4. Jeder Besitz, jeder Handel, die diese Prinzipien vergewaltigen, sind ungültig und unmoralisch.

Ihr sprecht ferner über die Steuern, und ihr vergeßt ganz, die Grundlage für die progressiven Steuern zu legen. Es gibt aber in der Materie der allgemeinen Steuer kein Prinzip, welches in der Gerechtigkeit so begründet wäre, wie das, welches den Bürger progressiv nach seinem Vermögen an den Ausgaben des Staates beteiligt, d. h. nach den Vorteilen, die jeder durch die Gesellschaft hat. Ich schlage euch vor, folgenden Artikel anzunehmen:

Artikel 1. Diejenigen Bürger, deren Einkommen zu ihrer eigenen Existenz nicht genügen, sind von den Steuern befreit. Die anderen Bürger tragen die Lasten progressiv nach der Größe ihres Vermögens.

Das Komitee hat fernerhin ganz vergessen, an die Pflichten der Brüderlichkeit zu erinnern, die alle Menschen und alle Nationen im Recht und in der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung vereinigen. Euer Komitee scheint die Grundlagen des ewigen Bundes der Völker gegen die Tyrannen vergessen zu haben. Man könnte sagen, daß eure Erklärungen für eine kleine Herde menschlicher Kreaturen auf einem Winkel des Globus und nicht für die unendliche Familie, der die Natur die ganze Erde zum Wohnsitz gegeben hat, proklamiert wurden. Ich schlage euch vor, diese Mängel durch einige Artikel zu verbessern. Diese Artikel können euch nur die Achtung der Völker gewinnen, sie können aber auch den Nachteil haben, euch für immer mit den Königen zu entzweien. Ich gebe zu, daß mich diese Schwierigkeit nicht entsetzt. Uns, die wir uns mit ihnen nicht vertragen wollen, kann das nicht erschrecken. Die vier Artikel, die ich vorschlage, lauten:

Artikel 1. Die Menschen aller Länder sind Brüder und die verschiedenen Völker müssen sich, so wie Bürger eines und denselben Staates, nach Kräften helfen.

Artikel 2. Derjenige, der eine Nation unterdrückt, erklärt sich dadurch als Feind aller Nationen.

Artikel 3. Diejenigen, die ein Volk mit Krieg überziehen, um die Fortschritte der Freiheit zu verhindern und um die Menschenrechte zu vernichten, müssen durch alle anderen Völker nicht wie gewöhnliche Feinde, sondern als Mörder und rebellierende Briganten bekämpft werden.

Artikel 4. Die Könige, die Aristokraten und die Tyrannen, welcher Nation sie auch immer angehören, sind revoltierende Sklaven gegen den Souverän der Erde, die menschliche Rasse und gegen den Gesetzgeber des Universums der Natur […].

Auszüge zitiert nach: Maximilien de Robespierre, Reden mit historischer Einleitung, Berlin 1925, S. 47ff.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 21. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 21. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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