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Rede Robespierres über die Flucht des Königs Ludwig XVI.


Auf den Fluchtversuch des französischen Königs Ludwig XVI. reagierte der Jakobiner Maximilien de Robespierre am 21. Juni 1791 in einer Rede im Jakobinerklub. Robespierre warf darin seinen politischen Gegnern „Verrat“ an der Französischen Revolution vor: 

Bürger! Ich bin nicht derjenige, dem die Flucht des Königs als ein furchtbares Ereignis erscheinen könnte. Dieser Tag konnte der schönste der Republik werden und die 40 Millionen, die uns der Unterhalt des königlichen Individuums kostet, wäre z. B. die kleinste Wohltat dieses Tages. Damit der 20. Juni ein glücklicher Tag wird, müßte die gesetzgebende Versammlung ganz andere Maßnahmen ergreifen, als sie bis jetzt ergriffen hat. Der König hat keinen schlechten Augenblick zum Desertieren ausgesucht. Der König hat das nationale Veto der Legislative gefürchtet und er hat den Moment zur Flucht gewählt, in dem die verräterischen Priester alle fanatisierten Idioten der 83 Departements gegen die Verfassung führen wollen. Er hat den Moment ausgewählt, in dem der Kaiser und der König von Schweden sich in Brüssel treffen, wo man in Frankreich die Ernte bearbeitet und wo er glaubt, mit einer kleinen Banditenbande die Brandfackeln in den Händen tragend, uns alle verhungern lassen zu können. Und trotzdem, dies sind alles Umstände, die mich nicht erschrecken. Und wenn sich ganz Europa gegen uns verbündet, so wird ganz Europa geschlagen werden. Was mir Angst einflößt, sind gerade die Tatsachen, die alle Welt zuversichtlich machen. Es ist die Tatsache, daß heute morgen nach Bekanntmachung der Flucht alle unsere Feinde dieselbe Sprache führen. Alle Welt ist vereinigt, alle haben dasselbe Gesicht, und trotzdem ist es klar, daß, wenn ein König mit 40 Millionen Rente, der noch alle Plätze des Landes in Händen hatte, der die schönste Krone der Welt trägt, daß, wenn ein solcher König flieht, wenn ein solcher König so alles verläßt, er Sicherheit haben muß, daß er in Bälde zurückkehren kann. Und dieselbe Sicherheit kann nicht nur auf den Kaiser, auf den König von Schweden, auf der uns feindlichen Rheinarmee und auf alle gegen uns vereinigten Briganten Europas begründet sein. Nein, hier mitten unter uns muß der König Sicherheiten haben, die ihm eine siegreiche Wiederkehr garantieren; anders ist seine Flucht nicht zu erklären. Ihr wißt, daß 3 Millionen bewaffneter Männer einen unbesiegbaren Wall der Freiheit bilden würden; aber man will die Männer nicht bewaffnen. Es muß eine mächtige Partei geben, große Komplizen, mächtige Kabalen, und das alles mitten in Paris. Ich habe vor der Maske des Patriotismus, die die ganze Welt trägt, Angst. Es sind nicht Verdächtigungen, es sind nicht Verleumdungen, die ich da ausspreche, es sind Tatsachen, und so fordere ich die Redner, die nach mit sprechen werden auf, diese Tatsachen zu bezweifeln, Beweise gegen diese Tatsachen zu erbringen. […]

Ludwig XVI. hat der gesetzgebenden Versammlung geschrieben, daß er die Flucht ergreift, und die Versammlung hat durch eine feige Lüge die Sache anders hingestellt, sie hat davon gesprochen, daß der König entführt wurde und in 20 Dekreten hat sie das Schicksal des Monarchen bedauert. Die verfassungsgebende Versammlung könnte ganz anders sprechen, wenn wir drei Millionen Bajonette zur Verfügung hätten […].

Wollt ihr noch andere Beweise, daß die gesetzgebende Versammlung die Interessen der Nation verraten hat? Was für Maßnahmen hat sie heute früh ergriffen? Betrachten wir die hauptsächlichkeiten: Der Kriegsminister ist weiter auf seinem Platze geblieben und die anderen Minister ebenfalls. Und wer ist dieser Kriegsminister? Der Kriegsminister hat bis jetzt alle patriotischen Soldaten verfolgt, hat die Massakers unter den republikanischen Truppen geleitet und hat sich schützend vor alle aristokratischen Offiziere gestellt. Und wer ist das militärische Komitee, das dem Kriegsminister zur Seite gestellt wurde. Im militärischen Komitee sitzen vermummt Parteigänger des alten Regimes und der Aristokratie, die sich selber durch ihre Taten entlarven. Das militärische Komitee, das bis jetzt alle Bewegungen der Konterrevolution geleitet hat, aus diesem Komitee kommen alle Maßnahmen, die gegen die Freiheit gerichtet sind. […] Ich habe der gesetzgebenden Versammlung den Prozeß gemacht und ich fordere die gesetzgebende Versammlung auf, mir nun den Prozeß zu machen.

Auszüge zitiert nach: Maximilien de Robespierre, Reden mit historischer Einleitung, Berlin 1925, S. 36ff.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 21. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 21. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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