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Die Kreuzzüge aus Sicht von Historikerurteilen


Die Kreuzzüge prägten das Verhältnis zwischen dem lateinischen Christentum und dem islamischen Kulturkreis im östlichen Mittelmeerraum für mehrere Jahrhunderte. Über die Folgen und Bedeutung der Kreuzzüge kursieren verschiedene Historikerurteile, die im Folgenden vorgestellt werden:

Der Historiker Steven Runciman über die Folgen der Kreuzzüge (1954)

Die Kreuzzüge wurden ins Leben gerufen, um die Christenheit des Ostens vor den Muselmanen zu retten. An ihrem Ende befand sich die gesamte östliche Christenheit unter muselmanischer Herrschaft. […] Im Gesamtbild der Geschichte gesehen war die ganze Kreuzzugbewegung ein einziger riesiger Fehlschlag. Der an ein Wunder grenzende Erfolg des ersten Kreuzzuges führte zur Errichtung fränkischer Staaten in Outremer; und ein Jahrhundert später, als alles verloren schien, hielt die hochgemute Tapferkeit der Krieger des dritten Kreuzzuges sie noch auf weitere hundert Jahre am Leben. Aber das dürftige kleine Königreich Jerusalem und seine Geschwister-Fürstentümer waren für soviel Tatkraft und Begeisterung ein winziges, schwächliches Ergebnis. Während dreier Jahrhunderte gab es in Europa kaum einen Machthaber, der nicht irgendwann einmal mit glühendem Eifer gelobte, in den Heiligen Krieg zu ziehen. Es gab kein Land, das nicht Krieger ausgeschickt hätte, um für die Christenheit im Osten zu kämpfen. Jerusalem war jedem Mann, jeder Frau allzeit gegenwärtig. Und doch waren die Bemühungen, die Heilige Stadt zu halten oder zurückzuerobern, eigentümlich launenhaft, sprunghaft und ungeschickt. Auch hatten diese Anstrengungen auf die allgemeine Geschichte Westeuropas nicht die Wirkung, welche man von ihnen hätte erwarten können. Das Zeitalter der Kreuzzüge ist eines der bedeutungsvollsten in der Geschichte der abendländischen Zivilisation. Als es begann, tauchte Westeuropa gerade eben aus der langen Zeitspanne der Barbareneinfälle hervor. Als es zu Ende ging, hatte das Knospen und Sprießen, das wir die Renaissance nennen, eben begonnen. Aber wir können den Kreuzfahrern selbst keinen unmittelbaren Anteil an dieser Entwicklung zuschreiben. […] Nur auf gewissen Gebieten der politischen Entwicklung Westeuropas hinterließen die Kreuzzüge eine Spur. […] Der Papst hatte den Kreuzzug als eine völkerumspannende christliche Bewegung unter seiner Führung ins Leben gerufen; und sein anfänglicher Erfolg erhöhte seine Macht und sein Ansehen sehr beträchtlich. […] Abgesehen von der Ausweitung des geistlichen Herrschaftsbereiches Roms war der Hauptgewinn, den die abendländische Christenheit aus den Kreuzzügen zog, ein negativer.

Zitiert nach: Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge, München 1995, S. 1249-1252.


Der Historiker Nikolas Jaspert über die Folgen der Kreuzzüge (2003)

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, in welchem Maße die Kreuzzüge zu Austauschprozessen zwischen dem lateinischen, dem griechisch-orthodoxen und dem islamischen Kulturkreis beigetragen haben. Unzweifelhaft hatten die Kreuzzüge mit ihren Schlachten und militärischen Expeditionen ihren Anteil an der Entfremdung zwischen dem Christentum und anderen Religionen. […] Ebenso unzweifelhaft ist zugleich, dass die Kreuzzüge und die Errichtung der „Kreuzfahrerstaaten“ die Zahl der Kontaktzonen zwischen beiden Religionen erhöhten. Es entstanden neue interkonfessionelle Grenzgebiete, in denen insbesondere die Handelsstädte als Begegnungsorte fungierten. Hier war ein gewisses Maß an Austausch unumgänglich. […]

In der Tat lassen sich eine Vielzahl von kulturellen Errungenschaften benennen, die aus der muslimischen Welt Einzug in den lateinischen Westen fanden. Arabische Lehnwörter aus der Welt des Handels wie Bazar, Scheck, Tarif oder Arsenal oder aus den Naturwissenschaften wie Algebra oder Algorithmus lassen sich in diesem Zusammenhang anführen. Künstlerische Errungenschaften, besonders in der Ornamentik, sowie Fertigkeiten in der Metall-, Textil-, Keramik- und Lederverarbeitung wurden nachweislich aus der islamischen Welt übernommen. Auch aus muslimischer Sicht lassen sich die Transferprozesse erkennen, obwohl die lateinischen Christen den Muslimen in kultureller Hinsicht wenig zu bieten hatten. In der Militärtechnik z. B. führte die Begegnung mit den fremden Kriegern zu wichtigen Neuerungen, von der Einführung gepanzerter Reiter bis zu Veränderungen in der Belagerungstechnik und im Festungsbau. Die konfessionelle Grenze war als durchlässiger als man annehmen könnte. Doch wie viel von alldem fand über die Kreuzfahrerherrschaften des Vorderen Orients seinen Weg in den Westen? Die Forschung ist sich mittlerweile weitgehend einig, dass in den Kreuzfahrerherrschaften Palästinas und Syriens vergleichsweise wenige derartige Transfervorgänge stattfanden. […]

Die eigentliche Bedeutung der Kreuzfahrerherrschaften des Vorderen Orients für den interkulturellen Austausch und Transfer dürfte allerdings weniger im Export von Gegenständen und technischen Neuerungen gelegen haben als im Bereich der Wahrnehmungen und Vorstellungen. Auf muslimischer Seite dürfte als wichtige Folge der Kreuzzüge die Stärkung des Dschihad-Gedankens im Zuge der Auseinandersetzung mit den Kreuzfahrern anzusehen sein. Auf christlicher Seite trug die Expansion des ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts wesentlich dazu bei, den Orient in das Bewusstsein der lateinischen Christenheit zu rücken. Er nahm nun seinen Platz in der Vorstellungswelt, in der Kunst und in der Literatur des lateinischen Westens ein – und zwar durchaus nicht allein als Negativ oder Gegenfolie. […]

Die bedeutendste Folge der Kreuzzüge für alle betroffenen Kulturen dürfte aber weder im Bereich der Rezeption, des Transfers oder der Fremdwahrnehmung liegen. Die Begegnung mit dem Islam führte dem lateinischen Westen seine Gemeinsamkeiten vor Augen, denn Fremd- und Selbstwahrnehmung gehen stets Hand in Hand. Ebenso, wie eine bislang unbekannte Bündelung von Kräften über bisherige politische Grenzen hinweg den militärischen Erfolg des ersten Kreuzzugs überhaupt erst ermöglichte, wurde die Besiedlung und Verteidigung des Eroberten über fast zwei Jahrhunderte hinweg nur durch immer wieder erneuerte kollektive Anstrengungen gewährleistet. So lässt sich wohl konstatieren, dass die Begegnung mit andersartigen Kulturen weniger zu einem größeren Verständnis für das Fremde als vielmehr zu einer genaueren Kenntnis des Eigenen führte – mit allen positiven wie negativen Folgen. Die Kreuzzüge trugen wesentlich zur Selbstfindung sowohl des Christentums als auch des Islam bei.

Zitiert nach: Nikolas Jaspert, Die Kreuzzüge, Darmstadt 2003, S. 168f.


Der arabische Journalist Amin Maalouf über die Folgen der Kreuzzüge für den islamischen Kulturkreis (2003)

Dem Anschein nach hatte die arabische Welt einen epochalen Sieg errungen. […] Es hat aber, wie gesagt, nur den Anschein. Den mit geschichtlichem Abstand gesehen drängt sich eine Feststellung auf: Zur Zeit der Kreuzzüge ist die arabische Welt, von Spanien bis zum Irak, noch der Hüter der materiell und intellektuell am weitesten fortgeschrittenen Kultur der Erde. Danach verlagert sich der Mittelpunkt der Welt deutlich nach Westen. […]

Die Araber haben es während der ganzen Zeit der Kreuzzüge abgelehnt, sich dem abendländischen Gedankengut zu öffnen. Und dies ist vielleicht die schlimmste Auswirkung der Angriffe, deren Opfer sie waren. Für den Angreifer ist das Erlernen der Sprache des besiegten Volkes nur eine Sache der Begabung, für den Besiegten ist es ein Zugeständnis, ja ein Verrat. Tatsächlich haben viele Franken Arabisch gelernt, während den Bewohnern des Landes, bis auf einige Christen, die Sprachen des Abendlandes fremd geblieben sind. Dafür gibt es viele Beispiele, denn auf allen Gebieten sind Franken in der Schule der Araber gegangen, in Syrien wie in Spanien und Sizilien, und was sie gelernt haben, war eine notwendige Grundlage für ihre spätere Ausbreitung. Das griechische Kulturerbe ist über die Araber nach dem westlichen Europa gekommen; sie haben es übersetzt und auch ausgebaut. Sei es Medizin, Astronomie, Chemie, Geografie, Mathematik, Architektur – auf allen Gebieten haben die Franken ihr Wissen aus arabischen Büchern bezogen; sie haben es assimiliert, imitiert und schließlich weiterentwickelt. […] Während für Westeuropa die Zeit der Kreuzzüge der Beginn einer echten Revolution war, sowohl auf wirtschaftlichem wie auch auf kulturellem Gebiet, folgten diesen Glaubenskriegen im Orient Jahrhunderte der Dekadenz und des Obskurantismus. Die von allen Seiten bedrängte muslimische Welt zieht sich in sich selbst zurück. Sie ist empfindlich, intolerant und steril geworden und diese Eigenschaften verstärken sich mit der zunehmenden Weiterentwicklung der übrigen Welt, von der sie sich an den Rand gedrängt fühlt. Fortschritt, das sind jetzt die anderen. Modernität, das sind die anderen. Musste man, um seine kulturelle und religiöse Identität zu bestätigen, diese Modernität, die das Symbol des Westens war, ablehnen? Oder musste man, im Gegenteil, entschlossen den Weg der Modernität beschreiten, auf die Gefahr hin, seine Identität zu verlieren? Weder dem Iran noch der Türkei noch der übrigen arabischen Welt ist es gelungen, aus diesem Dilemma herauszukommen. […] Die arabische Welt ist von den Franken fasziniert und fürchtet sie zugleich. […] Die Araber bringen es nicht fertig, die Kreuzzüge einfach als ein längst abgeschlossenes Kapitel der Geschichte zu betrachten. Man ist oft erstaunt festzustellen, in welchem Maße die Haltung der Araber und der Muslims insgesamt dem Westen gegenüber noch heute von Vorkommnissen beeinflusst wird, die allgemein als vor sieben Jahrhunderten abgeschlossen gelten. […] Und zweifellos rührt der Bruch zwischen den beiden Welten von den Kreuzzügen her, die heute noch wie eine Schändung, eine Schmach empfunden werden.

Zitiert nach: Amin Maalouf, Der Heilige Krieg der Barbaren, München 2003, S. 279-284, übersetzt von Sigrid Kester.


Der Historiker Thomas Asbridge über die Folgen der Kreuzzüge für die östliche Welt am Mittelmeer (2010)

Die […] Bedrohung durch die Franken konfrontierte die muslimische Welt mit einem Feind, gegen den sie sich zusammenschließen musste, und sie lieferte einen Grund, für den es zu kämpfen galt. […] Allerdings veränderte sich das Verhältnis des Islams zu den abendländischen Christen kaum, obwohl es ja in dieser Zeit, sei es nun in Kriegs- oder in Friedensphasen, zu häufigen Kontakten zwischen Muslimen und Lateinern kam. Die alten Vorurteile blieben bestehen […]. Die räumliche Nähe scheint wenig zur Förderung des Verständnisses oder der Toleranz beigetragen zu haben. Doch die Ankunft der Kreuzfahrer führte – entgegen der Darstellung einiger Historiker – auch nicht dazu, dass sich das Verhältnis der Muslime zu den Christen im Osten verschlechtert hätte. Vereinzelt kam es zu einer Abkühlung der Beziehungen, vor allem wenn einheimische Christen, die unter muslimischer Herrschaft lebten, verdächtigt wurden, die Franken zu unterstützen oder als Spione für sie tätig zu sein […]. Für den Islam wie auch für die abendländische Christenheit vollzog sich der wohl stärkste Wandel, den die Kreuzzüge bewirkten, auf dem Gebiet des Handels. Muslime aus der Levante pflegten bereits vor dem ersten Kreuzzug einige vereinzelte wirtschaftliche Kontakte in Europa, aber im Lauf des 12. und 13. Jahrhunderts nahmen diese Handelsbeziehungen – ganz überwiegend infolge der lateinischen Siedlungen im östlichen Mittelmeerraum – […] zu. Kreuzzüge sowie die Existenz der Kreuzfahrerstaaten veränderten die mediterranen Handelsrouten […] von Grund auf. […] Die Franken Outremers lebten nicht in einer hermetisch abgeschlossenen Umgebung. Der Alltag, also politische, militärische und wirtschaftliche Sachzwänge, brachte es mit sich, dass diese Lateiner häufig mit den einheimischen Bewohnern der Levante in Kontakt kamen, mit Muslimen, mit den Christen des Orients und später mit den Mongolen. So entstand durch die Kreuzzüge eine der Grenzzonen, in denen Europäer mit „orientalischer“ Kultur in Kontakt kommen und sie theoretisch auch übernehmen konnten. Die „Kreuzfahrer“gesellschaft, die sich in Outremer herausbildete, hatte zweifellos assimilative Züge; allerdings ist nicht ganz auszumachen, ob die Annäherung auf bewusster Entscheidung beruhte oder sich aus organischer Entwicklung ergab. […]

Zitiert nach: Thomas Asbridge, Die Kreuzzüge, Stuttgart 2010, S. 712-714, übersetzt von Susanne Held.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 10. Februar 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 1. Juli 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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