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Christen aus zeitgenössischer Sicht von Muslimen


Eine zeitgenössische Sicht von Muslimen auf Christen im Mittelalter wird anhand der Schilderungen des muslimischen Ritters Usama ibn Munquid (1095-1188) deutlich. Jener kam in Friedenszeiten regelmäßig in die Kreuzfahrerstaaten und berichtete in seinem „Buch der Belehrung durch Beispiele“ seine Eindrücke über die Christen:

Usama ibn Munquid über seine Erlebnisse in Kreuzfahrerstaaten

Es gibt unter den Franken einige, die sich im Lande angesiedelt und begonnen haben, auf vertrautem Fuße mit den Muslimen zu leben. Sie sind besser als die anderen, die gerade neu aus ihren Heimatländern gekommen sind, aber jene sind eine Ausnahme, und man kann sie nicht als Regel nehmen. Hierzu so viel: Einmal schickte ich einen Gefährten in einem Geschäft nach Antiochia, dessen Oberhaupt Todros ibn as-Safi war, mit dem ich befreundet war und der in Antiochia eine wirksame Herrschaft ausübte. Er sagte eines Tages zu meinem Gefährten: „Ein fränkischer Freund hat mich eingeladen. Komm doch mit, dann siehst du ihre Gebräuche.“ „ich ging mit“, erzählte mein Freund, „und wir kamen zum Hause eines der alten Ritter, die mit dem ersten Zug der Franken gekommen waren. Er hatte sich von seinem Amt und Dienst zurückgezogen und lebte von den Einkünften seines Besitzes in Antiochia. Er ließ einen schönen Tisch bringen mit ganz reinlichen und vorzüglichen Speisen. Als er sah, dass ich nicht zulangte, sagte er: „Iss getrost, denn ich esse nie von den Speisen der Franken, sondern habe ägyptische Köchinnen und esse nur, was sie zubereiten; Schweinefleisch kommt mir nicht ins Haus!“ Ich aß also, sah mich aber vor, und wir gingen. Später überquerte ich den Markt, als eine fränkische Frau mich belästigte und in ihrer barbarischen Sprache mir unverständliche Worte hervorstieß. Eine Menge Franken sammelte sich um mich und ich war schon meines Todes sicher: Da erschien der Ritter, erkannte mich, kam herbei und sagte zu der Frau: „Was hast du mit diesem Muslim?“ „Er hat meinen Bruder Urso getötet!“, erwiderte sie. Dieser Urso war ein Ritter aus Apamea, der von einem Soldaten aus Hama getötet worden war. Er fuhr sie an: „Das hier ist ein Bürger, ein Kaufmann, der nicht in den Krieg zieht und sich nicht aufhält, wo man kämpft.“ Dann herrschte er die Menge an, die sich angesammelt hatte. Sie zerstreute sich und er nahm mich bei der Hand. So hatte die Tatsache, dass ich bei ihm gespeist hatte, zur Folge, dass mir das Leben gerettet wurde.

Zitiert nach: F. Gabrieli, Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht, München 1975, S. 121f.


Usama ibn Munquid über das Beten neben einem christlichen Franken

Jeder, der in den fränkischen Gebieten noch neu ist, hat rohere Sitten als jene, die sich schon an das Land gewöhnt haben und die mit den Muslims zusammenleben. Von der Sittenroheit der Franken – Allah mache sie hässlich – zeugt folgende Geschichte: Als ich Jerusalem besuchte, war ich oft in der al-Aqsa-Moschee, neben der eine kleine Moschee liegt, die die Franken in eine Kirche umgewandelt hatten. Wenn ich die al-Aqsa-Moschee betrat, in der sich meine Freunde, die Tempelritter, befanden, ließen sie mich in jener kleinen Moschee allein, damit ich dort beten konnte. Eines Tages ging ich wieder dorthin, sprach „Allah ist groß“ und stellte mich zum Gebet auf. Da fiel einer der Franken über mich her, packte mich und drehte mein Gesicht nach Osten. „So musst du beten!“, rief er. Die Templer kamen zurück und holten ihn hinaus. Dann entschuldigten sie sich bei mir: „Er ist noch fremd. Erst dieser Tage ist er aus dem Frankenland angekommen. Er hat noch nie jemand gesehen, der nicht nach Osten gewendet betet!“ „Ich habe genug gebetet!“, meinte ich und ging hinaus. Ich war von jenem Teufelskerl überrascht! Seine Gesichtsfarbe hatte sich verändert und er erschrak, als er sah, wie ich das Gebet, nach Mekka gerichtet, vollzog.

Einmal sah ich, wie ein Franke zum seligen Emir Mu-inad-Din kam, als er gerade im Felsendom weilte. Er fragte den Emir: „Willst du Gott als Knaben sehen?“ Der Emir bejahte. Der Franke ging vor mir her, bis er uns das Bild von Maria und dem Messias – Heil ihm – als Knaben in ihrem Schoß zeigte. „Das ist Gott als Kind!“, meinte der Franke. Hoch erhaben ist Gott über das, was die Ungläubigen behaupten!

Zitiert nach: Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usama ibn Munquid, München 1985, S. 151f.; übersetzt von Holger Preißler.


Usama ibn Munquid über die Sitten der Franken

Die Franken – Allah lasse sie im Stich – haben keine andere Tugend als die Tapferkeit. Nur die Ritter haben bei ihnen eine Vorrangstellung und einen hohen Rang. Bei ihnen zählen nur die Ritter. Sie haben den Rat inne, von ihnen kommen die rechtlichen Entscheidungen und Urteile. Ich prozessierte einmal mit ihnen wegen ein paar Ziegen, die der Herr von Baniyas aus dem Wald genommen hatte, als zwischen uns und ihnen gerade ein Waffenstillstand war und ich mich in Damaskus befand. Ich sprach zu König Fulk ibn Fulk: „Der da hat ungerecht gegen uns gehandelt und unsere Tiere weggenommen, da doch die Zeit des Lämmerns ist. Die Ziegen haben geworfen und ihre Lämmer sind gestorben. Erst nachdem er den Tieren geschadet hat, hat er sie uns zurückgegeben.“ Daraufhin sagte der König sechs oder sieben Rittern: „Macht euch auf und richtet über ihn!“ Sie verließen seinen Audienzsaal und zogen sich zurück. Sie berieten so lange, bis die Meinung aller über diese Sache übereinstimmte. Dann kehrten sie in den Sitzungssaal des Königs zurück und sprachen: „Wir haben entschieden, dass der Herr von Baniyas eine Strafe zu entrichten hat, weil er ihren Ziegen geschadet hat!“ Und der König befahl ihm, die Strafe zu entrichten. Er bat mich inständig und bedrängte mich so lange, bis ich endlich vierhundert Dinar von ihm nahm. Dieses Urteil konnte, nachdem es die Ritter gefasst hatten, weder der König noch ein anderer Führer der Franken ändern oder widerrufen, denn der Ritter ist bei ihnen etwas Großes. Zu mir sprach der König: „Usama! Bei meinem Glauben! Ich habe mich gestern sehr gefreut!“ „Allah erfreue den König! Weshalb warst du froh?“ „Man hatte mir gesagt, dass du ein großer Ritter bist. Doch habe ich es vorher nicht geglaubt.“

Zitiert nach: Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usama ibn Munquid, München 1985, S. 76f.; übersetzt von Holger Preißler.

Verfasst von Fabio Schwabe
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