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Al Mawardi: Über die Aufgaben eines Kalifen


Im 11. Jahrhundert befand sich das Kalifat der Abbasiden auf dem Tiefpunkt und wurde durch die Sultane der Seldschuken in seiner Existenz bedroht. In dieser Zeit verfasste der islamische Rechtsgelehrte Al Mawardi (972 – 1058) erstmals eine staatstheoretische Schrift, in der er seine Vorstellungen von einem islamischen Kalifat schilderte:

Dem Imam obliegt die Wahrnehmung folgender zehn öffentlicher Pflichten:

1. Die Religion soll er entsprechend den verankerten Prinzipien und dem Konsens der ersten Generation der Muslime erhalten. Wenn ein Neuerer auftritt oder ein Zweifler davon abweicht, muss ihm der Imam die Beweise der Religion darlegen, ausführen, was richtig ist, und auf ihn die angemessenen Regeln und Strafen anwenden, sodass die Religion vor Schaden geschützt und die Gemeinde vor Irrtum bewahrt bleibt.

2. Die zwischen Prozessführern gefällten Urteile soll er ausführen und Streit zwischen Zankenden schlichten, damit Gerechtigkeit herrsche und niemand Unrecht begehe oder erleide.

3. Die Länder des Islams soll er verteidigen und sie vor fremdem Eindringen schützen, damit man ohne Gefahr für Leben und Besitz seinen Unterhalt verdienen und nach Belieben reisen kann.

4. Die gesetzlichen Strafen soll er durchsetzen zum Schutz der Gebote Gottes vor Verletzung und zur Wahrung der Rechte seiner Diener vor Schädigung und Vernichtung.

5. Die Grenzfestungen soll er mit angemessenen Nachschub und zu ihrer Verteidigung wirksamen Kräfte versehen, damit der Feind sie nicht in einem Überraschungsangriff nimmt, sie entweiht oder das Blut von Muslimen oder Verbündeten […] vergießt.

6. Heiligen Krieg soll er gegen alle diejenigen führen, welche auch nach der Aufforderung, den Islam anzunehmen, ihn weiterhin ablehnen, bis sie entweder Muslime werden oder in das Schutzverhältnis […] eintreten, damit Gottes Wahrheit über jede Religion die Oberhand gewinne […].

7. Beute und Almosen […] soll er einsammeln, gemäß den Vorschriften des heiligen Gesetzes, wie sie in eindeutigen Texten und aufgrund von unabhängigem Urteil […] festgelegt sind, und zwar ohne Terror und Unterdrückung.

8. Die Gehälter und andere vom Staatsschatz zu entrichtende Gelder soll er ohne Verschwendung und ohne Knausrigkeit festsetzen und die Zahlungen pünktlich, weder zu früh noch zu spät, vornehmen.

9. Fähige und zuverlässige Männer soll er anstellen, die aufrichtig sind bei der Erfüllung der Aufgaben, die er ihnen überträgt, und im Umgang mit den Geldern, die er ihnen anvertraut; so werden die Aufgaben fachkundig ausgeführt und die Gelder gewissenhaft geschützt.

10. Mit der Überwachung aller Angelegenheiten und der Überprüfung aller Verhältnisse soll er sich selbst befassen, damit er so persönlich die Gemeinde regiere, den Glauben schütze und sich nicht auf Vertreter stütze, um für das eigene Vergnügen oder für den Gottesdienst Zeit zu haben; denn selbst Zuverlässige können einmal zu Verrätern, selbst Aufrichtige einmal zu Betrügern werden.

Zitiert nach: Bernhard Lewis (Hg.), Der Islam in Originalzeugnissen, Bd. 1/Politik und Kriegsführung, München 2005, S. 219-226; übersetzt aus dem Englischen von Hartmut Fähndrich.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 20. Februar 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 1. Juli 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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