Wissenschaftsorientierung

Das fachdidaktische Prinzip der Wissenschaftsorientierung dient dem Zweck, dass Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht die Rolle eines/r Forschers/in einnehmen. Die Lernenden sollen auf diese Weise mit den Werkzeugen und Methoden der Geschichtswissenschaft vertraut gemacht werden und einen Einblick in ihre aktuellen Kontroversen gewinnen.

Theoretischer Zugang

Im Mittelpunkt des Geschichtsunterrichts steht der Prozess des historischen Lernens. Schülerinnen und Schüler sollen – im Rahmen eines Gegenwartsbezugs – mit einer problemorientierten Leitfrage konfrontiert und zu kritischen Fragen an die Vergangenheit angeleitet werden. Wie auch das “forschend-entdeckende Lernen” sorgt die Wissenschaftsorientierung dafür, dass die Schülerschaft das Handwerkszeug eines/r Historiker/in erlernt und Quellen bzw. historische Darstellungen analysiert. Dadurch erhalten die Lernenden einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand und kommen zu der Erkenntnis, dass Darstellungen über die Geschichte multiperspektivisch sind und bestimmte Themen kontrovers diskutiert werden.

Konsequenzen für den Unterricht

Ein wissenschaftsorientierter Geschichtsunterricht kommt ohne multiperspektivische Quellen und kontroverse Historikerurteile nicht aus. Die im Einstieg gestellte problemorientierte Frage muss die Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken bewegen und kritische Fragen zum historischen Gegenstand erfordern. Die Lehrkraft hat für das weitere Unterrichtsgeschehen verschiedene Arbeitsmaterialien bereitzustellen, die sich am aktuellen Forschungsstand orientieren und die Lerngruppe in die Rolle der Forschenden hineinversetzen. Um das wissenschaftsorientierte Arbeiten zu erleichtern, sollte die Lehrkraft zuvor den Prozess des historischen Lernens vermittelt haben.

Praxisbeispiel für den Unterricht

Ein geeignetes Unterrichtsbeispiel stellt die sogenannte “Goldhagen-Debatte” aus dem Jahr 1996 dar. Anhand der problemorientierten Leitfrage “Holocaust im Dritten Reich – eine Kollektivschuld der Deutschen?” können verschiedene Historikerurteile analysiert und miteinander verglichen werden. Die Lernenden werden dadurch mit der wissenschaftlichen Fachsprache und kontroversen Darstellungen der Geschichtsforschung vertraut. Eine in der Vertiefung gestellte handlungsorientierte Aufgabe könnte die Schülerinnen und Schüler zum Erstellen eines selbstständigen Historikerurteils anleiten.

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 06.01.2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 08.03.2021. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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