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Gottesgnadentum


Seit dem Mittelalter beriefen sich Kaiser, Könige und Fürsten im christlich geprägten Abendland auf das sogenannte „Gottesgnadentum“ . Nach dieser Vorstellung war die Herrschaft eines Monarchen durch göttlichen Willen gerechtfertigt. Infolge der Französischen Revolution und der fortschreitenden Säkularisierung verlor das „Gottesgnadentum“ im 19. Jahrhundert an Bedeutung.

Wurzeln des Gottesgnadentums

Als die Karolinger im 8. Jahrhundert das Fränkische Reich regierten, verbreitete sich die Idee des Gottesgnadentums in Europa. Pippin der Jüngere brauchte eine Herrschaftslegitimation. Daher wendete er sich an den Papst und ließ sich im Jahr 751 zum neuen fränkischen König salben. Sein Nachfolger Karl der Große ging noch einen Schritt weiter. Er stellte seine Herrschaft nach dem Prinzip der translatio imperii in die Tradition des Römischen Reiches. Seine Kaiserkrönung wurde demzufolge als Übertragung der römischen Kaiserwürde auf die Franken verstanden. Für die theologische Rechtfertigung des Gottesgnadentums sorgte Augustinus von Hippo mit seiner Schrift „Vom Gottesstaat“ .1

Heiliges Römisches Reich

Im 10. Jahrhundert etablierte sich unter der Herrschaft der Ottonen das Heilige Römische Reich. Ihre Kaiser stellten sich in die Tradition der Römer und rechtfertigten ihre Herrschaft mit der „Gnade Gottes“. Die Kaiserkrönung wurde über viele Jahrhunderte mit einem zeremoniellen Akt durch den Papst in Rom vollzogen. Das Gottesgnadentum erwies sich als wichtigste Stütze einer monarchischen Herrschaft. Der Herrscher verstand sich als Mittler zwischen Gott und den Untertanen. Widerstand gegen den Monarchen bedeutete Widerstand gegen Gott.2

Absolutismus und Aufklärung

Im 17. Jahrhundert entstand der Absolutismus als neue Herrschaftsordnung. Er wurde vor allem vom französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. verkörpert. Er betrachtete sich als universaler Mittelpunkt und berief sich dabei auf das Gottesgnadentum. Ein absoluter Herrscher regierte „von Gesetzen losgelöst“ und rechtfertigte seine Politik mit dem göttlichen Willen. Auch die Ständegesellschaft war göttlich begründet. Im Zeitalter der Aufklärung geriet dieses Herrschaftsverständnis des „Ancien Regime“ zunehmend ins Wanken. Dem traditionellen Gottesgnadentum stellten frühneuzeitliche Staatstheoretiker wie John Locke, Montesquieu und Jean-Jacques Rousseau das Naturrecht entgegen. Religion begann sich allmählich von Staat und Gesellschaft zu lösen.3

Entwicklung in England und den USA

In England spielte das Gottesgnadentum seit der „Glorious Revolution“ 1688/69 nur noch eine untergeordnete Rolle. Neben dem König war das Parlament nun gleichberechtigter Träger der Staatsgewalt. Diese Herrschaftsordnung wurde in den „Bill of Rights“ legitimiert. Die Gründung der USA erfolgte mit der 1776 veröffentlichten Unabhängigkeitserklärung. Darin wurde das Gottesgnadentum mit der Formel „Alle Menschen sind gleich geboren“ für nichtig erklärt.4

Revolutionen und Säkularisierung

Die Französische Revolution von 1789 markierte einen historischen Wendepunkt. Sie brachte unveräußerliche Menschen- und Bürgerrechte hervor und setzte eine Säkularisierung in Gang. Der Autoritätsverlust der Kirche machte den Weg frei für neue Herrschafts- und Gesellschaftsordnungen. Die alte Ständegesellschaft wurde langsam abgeschafft. Religion entwickelte sich zunehmend zur Privatsache. Die Idee der Nation ersetzte die göttlich legitimierte Herrschaft des Monarchen. Infolge der Napoleonischen Kriege ging dieser Prozess auch auf andere europäische Ländern über. Auf dem Wiener Kongress wurde das Gottesgnadentum nach den Prinzipien der „Restauration, Legitimität und Solidarität“ kurzzeitig wiederhergestellt. Langfristig konnte es den nationalen und liberalen Forderungen aus dem Volk aber nicht standhalten. Als letzter deutscher Kaiser berief sich Wilhelm II. (bis 1918) auf das Gottesgnadentum. Im heutigen West- und Mitteleuropa wird die oberste Staatsgewalt vom Volk ausgeübt.5

Verfasst von Fabio Schwabe

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