Thomas Hobbes: Der Zweck des Staates

Im 17. Jahrhundert wurde England durch einen langwierigen Bürgerkrieg erschüttert. Der Mathematiker und Philosoph Thomas Hobbes reagierte auf diese Zustände mit seiner 1651 erschienenen Schrift „Leviathan“ . Darin schilderte er seine neue Staatstheorie, die den Monarchen zum alleinigen – absoluten – Souverän der Staatsgewalt erhob:

Die Menschen, die von Natur aus Freiheit und Herrschaft über andere lieben, führten die Selbstbeschränkung, unter der sie […] in Staaten leben, mit dem Ziel und der Absicht ein, dadurch für ihre Selbsterhaltung zu sorgen. Denn die natürlichen Gesetze wie Gerechtigkeit, Billigkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, kurz, das Gesetz, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen, sind an sich, ohne die Furcht vor einer Macht, die ihre Befolgung veranlasst, unseren natürlichen Leidenschaften entgegengesetzt, die uns zu Parteilichkeit, Hochmut, Rachsucht und Ähnlichem verleiten. Und Verträge ohne das Schwert sind bloße Worte und besitzen nicht die Kraft, einem Menschen auch nur die geringste Sicherheit zu bieten. […]

Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch eine solche Sicherheit zu verschaffen, dass sie sich durch eigenen Fleiß und von den Früchten der Erde ernähren und zufrieden leben können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren können. Das heißt so viel wie einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen bestimmen, die deren Person verkörpern sollen, und bedeutet, dass jedermann alles als eigen anerkennt, was derjenige, der auf diese Weise seine Person verkörpert, in Dingen des allgemeinen Friedens und der allgemeinen Sicherheit tun oder veranlassen wird. Dies ist mehr als Zustimmung oder Übereinstimmung: Es ist eine wirkliche Einheit aller in ein und derselben Person, die durch Vertrag eines jeden mit jedem zustande kam. […]

Ist dies geschehen, so nennt man diese zu einer Person vereinte Menge Staat […]. Dies ist die Erzeugung jenes großen Leviathan oder besser, um es ehrerbietiger auszudrücken, jenes sterblichen Gottes, dem wir unter dem unsterblichen Gott unseren Frieden und Schutz verdanken. […] Wer diese Person verkörpert, wird Souverän genannt und besitzt, wie man sagt, höchste Gewalt, und jeder andere daneben ist sein Untertan. […] Von dieser Einsetzung eines Staates werden alle Rechte und Befugnisse dessen oder deren abgeleitet, denen die höchste Gewalt durch Übereinstimmung des versammelten Volkes übertragen worden ist. Da die Mehrzahl übereinstimmend einen Souverän ernannte, hat derjenige, welcher dagegen stimmte, nunmehr mit den übrigen übereinzustimmen, das heißt, sich mit der Anerkennung aller zukünftigen Handlungen des Souveräns zufriedenzugeben, oder aber er wird rechtmäßig von den übrigen vernichtet.

Auszüge zitiert nach: Thomas Hobbes, Leviathan, in: Iring Fetscher (Hrsg.), Frankfurt a.M. 1984, S. 131, 134ff, 138, übersetzt von Walter Euchner. 

Fabio Schwabe

Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 01.07.2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 01.07.2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt

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