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Arbeitsblatt zur Novemberrevolution (Historikerurteile)


Der Historiker Golo Mann bewertete die Novemberrevolution folgendermaßen:

Echte Revolutionen, sagten wir, sind nichts Gutes. […] Macht man dagegen eine unechte Revolution, das ist eine solche, welche nur die politische Struktur umwirft, die gesellschaftliche aber unangetastet lässt, so wird das neue Gebäude auf unsicherem Bode stehen; es wäre dann besser gewesen, das alte bestehen zu lassen und nur, vorsichtig, ein wenig anders einzurichten, so wie Max von Baden es im Oktober 1918 versucht hatte. Mit den Sozialdemokraten versucht hatte. Das war es ja eben, die Ereignisse des Novembers waren nicht gemacht worden, am wenigsten von jenen, die sich dann wohl oder übel an die Spitze stellten und sie übernahmen. Sie waren ein Zusammenbruch, unvorhergesehen und unerwünscht, keine gemachte, schöpferisch geleitete Revolution. Folglich blieb der ganze Herrschafts- und Geistesapparat des Kaiserreichs erhalten: Verwaltung, Justiz, Universität, Kirchen, Wirtschaft, Generalität. Folglich war die politische Macht schwach; sie arbeitete mit Bürokraten, Richtern, Lehrern, die wohl oder übel ihren Beruf weiter ausübten, ohne an die Republik zu glauben.

Zitiert nach: G. Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt 1958, S. 689f.

Der Historiker Imanuel Geiss verglich die Novemberrevolution mit der Russischen Revolution von 1917:

Im Gegensatz zu Russland war Deutschland bereits ein hochindustrielles Land. […] 1. Nur ein Teil der Arbeiterschaft identifizierte sich mit der proletarischen Revolution, weil der übrige Teil, vermutlich die Mehrheit, sich bereits so weit in die Gesellschaft integriert fühlte, dass er – politisch bei den Konservativen, dem Zentrum, der MSPD gebunden – eine proletarische Revolution ablehnte. 2. Das Bürgertum war quantitativ sehr viel stärker als in Russland und verfügte, wie schon erwähnt, bereits über so viele Machtpositionen, dass es sich 1918/19 nicht einfach beiseite schieben ließ. Teile des Bürgertums, vor allem des Kleinbürgertums und der Angestellten, lieferten daher auch eine städtische Massenbasis für konservative, ja reaktionäre Politik. 3. Die Bauern waren, nachdem 1848 die letzten feudalen Lasten im Wesentlichen gefallen waren, 1918 insgesamt überwiegend konservativ eingestellt, auf keinen Fall revolutionär, und gaben im Allgemeinen die ländliche Massenbasis für konservative bis reaktionäre Politik ab. 4. Ein proletarisch revolutioniertes Deutschland wäre dem militärischen Eingriff der bürgerlichen, gerade eben siegreichen Großmächte des Westens so gut wie schutzlos ausgeliefert gewesen. Aus geografischen wie strukturellen Gründen hätte sich eine proletarische Revolution in Deutschland 1918/19 gegenüber einer militärischen Intervention, wie sie im weiter abgelegenen Russland ja auch versucht wurde, kaum halten können. Schon die stärkere Verletzbarkeit der höher entwickelten, damit aber auch anfälligeren Wirtschaftsstrukturen mit einer einen höheren Lebensstandard gewöhnten Bevölkerung durch einen Bürgerkriegs-Kommunismus hätte eine siegreiche proletarische Revolution in Deutschland nicht verkraften können. Hinzu kam die Abhängigkeit von außen für Lebensmittel und Rohstoffe, dramatisch unterstrichen und verstärkt durch die alliierte Seeblockade.

Zitiert nach: I. Geiss, Bürgerliche und proletarische Revolution, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 42/1975, S. 40f.

Aufgaben:

  1. Lies dir beide Historikertexte aufmerksam durch.
  2. Die Weimarer Republik wurde auch „Demokratie ohne Demokraten“ genannt. Erläutere, an welchen Stellen Golo Mann dies zum Ausdruck bringt.
  3. Erläutere, welche Gründe Imanuel Geiss für das Scheitern einer proletarischen Revolution aufzählt.
  4. Beurteile, inwiefern der Revolutionsbegriff für die Novemberrevolution 1918 angemessen ist.

Zusatzaufgabe:

  1. Stelle Vermutungen an, welche Bedingungen gegeben sein sollten, damit eine Revolution gelingen kann.
Verfasst von Fabio Schwabe

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