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Arbeitsblatt zur Bewertung der Revolution 1848/49: Historikerurteile


Der Münchner Historiker Thomas Nipperdey beurteilte den Ausgang der Revolution 1848/49 folgendermaßen:

Die eigentliche Ursache des Scheiterns ist, dass […] gleichzeitig zu viele und zu gegensätzliche und sich überkreuzende Probleme anstanden. Die Revolution stieß auf den Widerstand der alten Mächte, das war klar; aber diese Mächte waren stärker, als es zunächst geschienen hatte: Der monarchische Sinn und der Sinn für Legalität waren im Volk noch weit verbreitet; das Militär funktionierte noch und ging nicht oder kaum zur Revolution über. Die verfassungspolitische Gemeinsamkeit der Revolution wurde von den inneren Spannungen der deutschen Gesellschaft erschwert und geschwächt: von den sozialen Spannungen, […] von der Distanz der Paulskirche zu den elementaren Nöten […]. Deutsche Einheit, deutsche Grenzen, deutsche Freiheit und ein Stück soziale Gerechtigkeit – das waren schon vier Probleme, die gleichzeitig anstanden und die doch ältere (und insofern glücklichere) Nationen nacheinander zu lösen hatten versuchen können. Aber das war kein Zufall: Ohne nationale Einheit konnte es keine bürgerliche Herrschaft geben und auch nicht ohne bürgerliche Gesellschaft. Freiheit und Einheit waren nicht zu trennen.

Auszüge zitiert nach: Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866, München 1983, S. 667 ff.


Der Frankfurter Historiker Lothar Gall beurteilte den Ausgang der Revolution 1848/49 folgendermaßen:

[…] Wesentliche Elemente unseres Gemeinwesens, die Garantie von Grundrechten, der Parlamentarismus, die demokratische Legitimation politischen Handelns, gehen auf 1848 zurück. […] Ich glaube, die Identität der Deutschen sollte im Bekenntnis zu den Ideen und Ordnungsprinzipien liegen, die 1848 formuliert worden sind; Menschenrechte und Demokratie vor allem. […] Im März 1848 waren die Träger der alten Ordnung fast vollständig zurückgewichen. Und auch im Sommer behielten die Revolutionäre noch die Oberhand, während in der Frankfurter Paulskirche an der Verfassung gearbeitet wurde. Die Situation kippte erst endgültig, als sich die Führungsschichten der beiden deutschen Großmächte Österreich und Preußen von ihrem Schrecken erholten, ihre Militärs wieder sammelten und zum Gegenschlag, zur Gegenrevolution ausholten. […] Die Revolution ist nicht an den Differenzen zwischen dem Volk und den Parlamentariern gescheitert, sondern an denen, die dieser Revolution feindlich gegenüberstanden. Dass der konservative Adel 1848 und auch in den folgenden Jahrzehnten starr auf seinen Privilegien (=Sonderrechte) beharrte, hat die Entwicklung Deutschlands sehr gehemmt.

Auszüge zitiert nach: Der Spiegel, Nr. 7/1998.

Aufgaben:

  1. Lies dir beide Historikerurteile aufmerksam durch.
  2. Erkläre, ob die Revolution für Thomas Nipperdey überhaupt eine Chance gehabt hat.
  3. Erkläre, welche Bedeutung der Revolution in Lothar Galls Text zukommt.
  4. Vergleiche die Bestimmungen der Paulskirchenverfassung mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Gibt es Parallelen?
  5. Beurteile, inwiefern „wesentliche Elemente unseres Gemeinwesens“ auf die Revolution 1848/49 zurückgehen.

Optional:

  1. Teilt die Texte in zwei Gruppen auf und führt eine Podiumsdiskussion durch, in dem sich Nipperdey und Gall gegenüberstehen.
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Verfasst von Fabio Schwabe

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