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Historikerurteile über das Scheitern der Weimarer Republik


Der Historiker Hagen Schulze beurteilte die Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik folgendermaßen (1988): 

1918 hatten Reichsleitung und die große Mehrzahl des Bürgertums die demokratische Regierungsform gewissermaßen als Preis für einen milden Frieden, wie ihn der amerikanische Präsident Wilson versprochen hatte, akzeptiert. Aus diesem milden Frieden wurde aber nichts; statt dessen kamen Versailler Vertrag, Reparationen, jahrelange empfindliche außenpolitische Diskriminierungen und Niederlagen, eine endlose Kette von Demütigungen. Alles das konnte nur ertragen werden, weil das tief erschütterte kollektive Selbstbewusstsein der Deutschen die erlittenen Kränkungen auf einen Sündenbock abladen konnte, und den Sündenbock bildeten alle Personen und Kräfte, die für die neue Staatsform standen. Die demagogische Formel, Republik und Demokratie seien nur andere Worte für Feigheit und Verrat an Volk und Nation, wurde so zum festen, von Millionen Menschen geglaubten Bestandteil extremistischer Agitation. Die Revision von Versailles wurde zur einzigen, wenngleich negativen Forderung, die alle Parteien umfasste; aber Erfolg musste schließlich diejenige Partei haben, die die Beseitigung des Friedensvertrages mit der Beseitigung der parlamentarischen Demokratie verband: Das eine schien mit dem anderen untrennbar verbunden. […]

Weimars Wirtschaft war chronisch krank, von der Inflationskatastrophe am Anfang bis zur großen Krise am Ende, und selbst die angeblich so goldene Mittelperiode zwischen 1924 bis 1928 war konjunkturell so labil, nur ein Einhalten vor dem Abrutschen der folgenden Jahre; die Investitionsbereitschaft der Unternehmer war äußerst niedrig, und selbst im besten Jahr, 1927, lagen die Arbeitslosenzahlen weit über den Vergleichszahlen des schlechtesten Jahres der Vorkriegszeit. So war die junge Demokratie in Deutschland von Anbeginn an zu allem anderen auch noch mit der Assoziation wirtschaftlicher Katastrophen und mühseligen Dahinwurstelns belastet. Dass diese die Chancen der linken und rechten Protestparteien erheblich wachsen ließ, liegt auf der Hand; seit den Reichstagswahlen von 1920 erhielten die schwarz-rot-goldenen Parteien der „Weimarer Koalition“ keine Wählermehrheiten mehr. […]

Jede Partei hielt sich selbst für den Sachverwalter des Ganzen, erhob einen ans Religiöse streifenden Anspruch auf Alleingültigkeit und versprach ihren Anhängern, eher Kirche denn Interessenvertretung zu sein. Zwischen gegensätzlichen Interessen ist stets ein Kompromiss möglich, der Mittelweg zwischen Gut und Böse dagegen ist ungangbar, und deshalb war die Fähigkeit der deutschen Parteien zum gemeinschaftsstiftenden Ausgleich unterentwickelt. […] Wo aber der pragmatische Kompromiss von vornherein als faul gilt, dort fehlen elementare Voraussetzungen für ein gesittetes Zusammenleben der Gruppen und Interessen und damit für die parlamentarische Demokratie überhaupt. […]

Das alles hat neben anderem zu Weimars Scheitern entscheidend beigetragen, und bei aller offensichtlichen Andersartigkeit unserer politischen Gegenwart gibt es doch Entscheidungslagen und Konstellationen, in denen jene Erfahrungen nicht ganz fremd scheinen. Eines verbindet sie alle: Nicht materielle Zwangslagen bilden den gemeinsamen Nenner, sondern Traditionen, Denkweisen, Elemente der politischen Kultur. Und auf diesem Hintergrund ergibt sich eine weitere Lehre aus dem Untergang der ersten deutschen Demokratie: Nicht einmal Weimar, dieses von Anbeginn schwerkranke Staatswesen, hat schicksalhaft oder bedingt durch anonyme Sachzwänge sterben müssen – es starb vielmehr, weil Bevölkerung, Parteien und einzelne Verantwortliche tradierte Denkweisen über den kategorischen Imperativ der parlamentarischen Demokratie, die Forderung nach dem Ausgleich der Interessen, stellten. Die Chance der Verantwortlichen war in Entscheidungslagen immer gegeben, für Weimar und für die Demokratie zu optieren […]. Deshalb ist dies vielleicht die wichtigste Schlussfolgerung, die uns aus dem Scheitern jener Republik zu ziehen bleibt – dass die Wachsamkeit der Demokraten gegenüber scheinbaren Zwangsläufigkeiten stets eine Chance hat, in Abwandlung eines Wortes von Immanuel Kant: Die Demokratie ist kein Naturzustand unter den Menschen – sie muss also gestiftet werden, Tag um Tag.

Auszüge zitiert nach: Hagen Schulze, Vom Scheitern der Weimarer Republik, in: Bracher, K.D. / Funke, M., Jacobsen, H-A.: Die Weimarer Republik, Düsseldorf 1988, S.617ff.


Der Historiker Karl Dietrich Bracher urteilte über die Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik (1963):

Der Verfassung war die Aufgabe gestellt, die Sicherung der Freiheit und der Rechte des Staatsbürgers mit der Organisation eines funktionsfähigen, vom Volkswillen getragenen Staatswesens zu verbinden. Dementsprechend waren die Grundrechte des einzelnen ebenso ausführlich umrissen wie die staatlichen Einrichtungen. Bemerkenswert ist auch, dass im Grundrechtsteil der Verfassung nicht nur altes liberales Gedankengut, sondern eine Reihe von neuen Ideen zur gesellschaftlichen Neuordnung verankert war; hier lagen wichtige Ansätze zu einem fruchtbaren Ausbau und zu einer modernen Weiterentwicklung der Weimarer Republik.

Dass es dazu nicht gekommen ist, lag an einer Verkettung äußerer wie innerer Faktoren. Die Zersplitterung des Parteienfeldes und die ideologisch verschärften Gegensätze der politischen Gruppen traten schon 1920 mit der Wahlniederlage der Weimarer Koalition voll in Erscheinung; sie haben im Folgenden die Bildung demokratischer Mehrheiten und stabiler Regierungen verhängnisvoll erschwert. Die furchtbaren Belastungen der Kriegs- und Friedensfolgen haben sich erst nach 1919 in ihrer ganzen Schwere ausgewirkt. Der Republik standen starke, schließlich übermächtige monarchistische und radikale Strömungen gegenüber, die der neuen Verfassungsordnung prinzipiell feindlich gesinnt waren, weil sie ihre Grundlage, die Ereignisse von 1918 und ihre Folgen, nicht anerkannten: Monarchisten und Rechtsradikale beklagten die Tatsache der Revolution, deren Ursache sie im Verrat und Dolchstoß erblickten, die Linksradikalen ihren unvollendeten, abgebrochenen Verlauf, der zu keiner wirtschaftlichen und sozialen Neuordnung geführt und allzu viele alte Machtpositionen in Militär und Bürokratie, in Wirtschaft und Gesellschaft unberührt gelassen hatte. Die Folge war ein Erlahmen der demokratischen Kräfte und Impulse in einem Zweifrontenkampf gegen den Radikalismus, der nur in den fünf mittleren Jahren (1924-1929) eine allzu kurze Ruhepause hatte. […]

Notwendige Ergänzungen der Verfassung wie besonders die einschränkenden Ausführungsbestimmungen zum Ausnahmeartikel 48 unterblieben, weil die Mehrheitsverhältnisse und der rasche Wechsel der Regierungen, der innere Antagonismus und die äußeren Belastungen des Staates eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Werkes von Weimar verhinderten. Auch die vielfach obstruktive, oft reaktionäre Justiz, deren Fehlinterpretationen selbst vor der Leistung des ersten Reichspräsidenten nicht haltmachten, hat ihren Teil dazu beigetragen. […]

Aber in grundlegenden Teilen konnte die zweite deutsche Demokratie an das Werk von Weimar anknüpfen. Dass dieser erste Versuch der Verwirklichung einer Demokratie gescheitert ist, lag letztlich doch weniger an dem Kompromisscharakter der Verfassung als an der geringen Vorbereitung der Bevölkerung und der Parteien für eine Staatsform, die ohne positive Teilnahme und die politische Einsicht der Staatsbürger nicht bestehen kann. Die schweren Hypotheken des „Zweiten Reiches“ und des Ersten Weltkrieges, aber auch die theoretische Interpretation und Staatspraxis haben die Weimarer Verfassung in ihrer Funktionsfähigkeit, schließlich in ihrer Substanz verhängnisvoll beeinträchtigt. […]

Auszüge zitiert nach: Karl Dietrich Bracher: Die Entstehung der Weimarer Verfassung, Hannover 1963, S. 25-27.

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Der Autor

Dieser Beitrag wurde am 12. Oktober 2020 verfasst von Fabio Schwabe, Mettmann. Die aktuelle Version stammt vom 12. Oktober 2020. Fabio Schwabe ist Gymnasiallehrer der Fachrichtung Geschichte und Gründer von Geschichte kompakt.

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