Historisches Quellenmaterial

Revolution 1848: Historikerurteil


Die Revolution 1848/49 galt in der Geschichtswissenschaft lange als gescheitertes Projekt. Die Historikerin Eva Maria Werner betrachtete die Ereignisse von 1848/49 hingegen aus einer positiven Perspektive und betonte die langfristigen Folgen. Sie kam zu folgendem Urteil:

Revolution 1848: Historikerurteil

Mit dem Sieg der reaktionären Kräfte schien die deutsche Revolution von 1848/49 gescheitert. […] Eine traurige Bilanz also? Nicht mehr als eine Episode in der deutschen Geschichte? War nach der Revolution alles wie vor der Revolution: So scheint es allenfalls auf den ersten Blick. Der zweite Blick hingegen offenbart die Errungenschaften der Revolution, die von Dauer waren, auch in der Epoche der Reaktion und darüber hinaus. Hierunter fällt zunächst einmal die sogenannte „Bauernbefreiung“. Durch die Beseitigung von Feudallasten und ständischen Vorrechten wurde ein entscheidender Schritt in Richtung einer Gesellschaft gleicher Staatsbürger gemacht. Für einige Staaten, darunter vor allem Preußen, endete mit der Revolution zudem für immer das absolutistische Zeitalter. Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Reformstau, der bis 1848 die wirtschaftliche und politische Entwicklung in den Staaten des Deutschen Bundes massiv behindert hatte, beseitigt worden war. […]

Schließlich blieb auch die Arbeit der Paulskirche nicht folgenlos: Sie diente der Konturierung des künftigen deutschen Nationalstaates. Auch wenn jener aus der Perspektive von 1848/49 keineswegs eine eindeutige Form hatte, wurde 1870/71 das kleindeutsche Modell als konstitutionelle Monarchie unter preußischer Führung tatsächlich verwirklicht. Vor allem jedoch hatte die Nationalversammlung ein Verfassungswerk geschaffen, das durch seinen Grundrechtskatalog für spätere Generationen – sei es am Anfang der Weimarer Republik oder auch noch der Bundesrepublik Deutschland – ein Vorbildcharakter hatte. Langfristig gesehen vielleicht am bedeutendsten waren die Folgen der Kommunikationsrevolution: Nicht nur ein neues Informationsniveau war erreicht worden, das nie wieder auf den vormärzlichen Stand zurückfiel, sondern es war auch eine breite politische Öffentlichkeit entstanden. Die öffentliche Meinung hatte damit an Gewicht gewonnen, und Politik war nicht mehr nur eine Sache bessergestellter gesellschaftlicher Schichten. […]

Dies alles macht deutlich, dass es problematisch ist, die Revolution von 1848/49 aus der Perspektive des Scheiterns zu betrachten, wie es die Forschung lange getan hat. Der Kampf der Revolutionäre hatte tief greifende politische und gesellschaftliche Umwälzungen zur Folge, welche über dem kläglichen Ende der Nationalversammlung oder der Niederschlagung der Aufstände in den Einzelstaaten nicht übersehen werden sollten. Die Revolution von 1848/49 wirkte in den Staaten des Deutschen Bundes auf vielfältige Weise fort.

Auszüge zitiert nach: Eva Maria Werner, Kleine Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49, Wien/Köln/Weimar 2009, S. 150-153. 

Verfasst von Fabio Schwabe

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