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Gang nach Canossa aus Sicht von Historikerurteilen


Der „Gang nach Canossa“ im Winter 1076/77 zählt zu den bedeutendsten Ereignissen des europäischen Mittelalters und charakterisierte die Auseinandersetzung zwischen der weltlichen und geistlichen Gewalten wie kein anderes Ereignis. Über dessen Bedeutung gibt es in der Geschichtswissenschaft verschiedene Historikerurteile, von denen zwei im Folgenden vorgestellt werden:

Egon Boshof (1979)

Worin liegt die Bedeutung des dramatischen Geschehens? Hat in Canossa die staatliche Macht vor kirchlichen Herrschaftsansprüchen kapituliert? Oder hat der König einen taktischen, diplomatischen Erfolg errungen? Kaum ein Problem der mittelalterlichen Geschichte ist in der deutschen Geschichtsforschung mit so großer Voreingenommenheit und so vielen Emotionen erörtert worden wie dieses. Sicher konnte […Heinrich] den Erfolg für sich verbuchen, dass er durch die Absolution die Vereinigung seiner deutschen Gegner mit dem Papst vereitelt und der Fürstenopposition die religiös-moralische Rechtfertigung ihres Widerstandes genommen hatte: Es gab keine Reichsversammlung, auf der Gregor als Schiedsrichter in Erscheinung treten konnte – Heinrich hatte sich die Krone gerettet. Aber dieser äußere Erfolg zählte im Letzten nichts gegenüber den tief greifenden Folgen des öffentlichen Bußaktes. Die Kirchenbuße war auch für einen König nichts Ehrenrühriges, keine Schande; aber […Heinrich] hatte noch kurz zuvor als Gesalbter des Herrn den Anspruch erhoben, von keinem irdischen Richter gerichtet werden zu können, und nun hatte er seine Herrschaft nur dadurch behauptet, dass er sich der Kirchenbuße in den Formen unterwarf, wie sie für die Laien vorgeschrieben war. Nichts konnte den Menschen deutlicher veranschaulichen, dass die Führung der Christenheit an das Papsttum übergegangen war […]. Die päpstlichen Verlautbarungen und Manifeste unterstrichen diesen Sachverhalt noch; die propagandistische Abwertung der weltlichen Gewalt gipfelte in der Aussage, dass das Königtum aus der menschlichen Hoffahrt, der sündhaften Überheblichkeit hervorgegangen sei. […] Das Ereignis von Canossa bedeutet die große Wende in der Geschichte der mittelalterlichen Monarchie. Wenn eine Rückkehr zum alten Ordo [zur alten Ordnung] nicht mehr möglich sein sollte, musste das Königtum eine neue Legitimierung seiner Gewalt finden.

Zitiert nach: E. Boshof, Heinrich IV. – Herrscher an einer Zeitenwende, Göttingen 1979, S. 78-80.


Stefan Weinfurter (2006)

„Canossa“ war ein Ereignis, aber es steht auch als historische Chiffre. Diese bezeichnet den Beginn und den Weg einer „Entzauberung der Welt“. So hat Max Weber den Rationalisierungsprozess umschrieben, bei dem die Einheit von religiöser und „staatlicher“ Ordnung sich auflöst. […] Nun ist es keineswegs so, dass sich die Kirche im Mittelalter […] wirklich aus der „Welt“ zurückgezogen hätte. Ganz im Gegenteil dazu hat das Papsttum für geraume Zeit sogar eine Schiedsrichterrolle über die europäischen Völker und Reiche errichten können, und die Verflechtungen kirchlicher und weltlicher Interessen bestimmten das Leben der Menschen in hohem Maße. Aber letztlich war mit „Canossa“ doch eine Entwicklung eröffnet worden, die den Keim in sich trug, dass die „Welt“ ihren eigenen Gesetzen folgen und ihre eigenen Werte entwickeln konnte. […] Von hier gingen die ersten Impulse dafür aus, weltliche Lebensordnungen zu konzipieren, die Kirche als eigene Institution zu definieren und wissenschaftliche Methoden der Wahrheitssuche zu entwickeln. Erstaunlich rasch brachte es das „Licht der Vernunft“ so weit, dass man an der Pariser Universität schon im 13. Jahrhundert wagte, Gottes Existenz zu leugnen. Man konnte sich die Welt bereits gottlos vorstellen, auch wenn diese Auffassung auf Betreiben der Amtskirche sogleich wieder mit Nachdruck ausgelöscht wurde. Doch der Stein war ins Rollen gebracht und zog seine Bahn über manche Unebenheiten bis hin zur Aufklärung. Für die „Entzauberung der Welt“ benötigte man einen langen Atem. Ihr Ausgangspunkt aber lag in „Canossa“.

Zitiert nach: Stefan Weinfurter, Canossa – Die Entzauberung der Welt, München 2006, S. 207f.

Verfasst von Fabio Schwabe
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